2000 bis 2025: Die Wirtschaft findet weniger Gehör

Anfang der Jahrtausendwende stellt der BGV seine Tätigkeiten noch vermehrt in den Dienst seiner Mitglieder. Er passt seine Strategie den wirtschaftlichen Verhältnissen an, kämpft für bessere Rahmenbedingungen, stärkt die Berufsbildung und will sich als grösster Wirtschaftsverband des Kantons etablieren.

Im neuen Jahrtausend kann sich der BGV als grösster Wirtschaftsverband positionieren, politisch muss er aufgrund der Grosswetterlage aber zahlreiche Abstimmungsniederlagen einstecken. Die Bedeutung der Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit hat in den letzten 25 Jahren auch beim BGV an Bedeutung gewonnen – ebenso die Schwerpunktsetzung im Rahmen einer Strategie. Zur Umsetzung der ersten Strategie werden vier Aktionspläne gebildet.

Schwierige Ausgangslage

Graubünden ist – wie alle Berggebiete – bereits gegen Ende des letzten Jahrhunderts unter starken wirtschaftlichen Druck geraten. Gründe dafür sind unter anderem die Aufwertung des Frankens, die sich negativ auf Tourismus und Export von Industriegütern, Landwirtschaftsprodukten und Wasserkraftstrom auswirkt und 2015 in der Aufhebung des Mindestkurses von 1.20 Franken pro Euro durch die Schweizerische Nationalbank gipfelt. Das Zweitwohnungsverbot von 2012 lähmt zusätzlich die Binnenwirtschaft. Da Berggebiete aufgrund geografischer und struktureller Gegebenheiten seit Jahrzehnten vom allgemeinen Wachstum abgekoppelt sind, werden sie zunehmend marginalisiert. In Fachkreisen ist von einer «Brache im Berggebiet» die Rede – ein Ausdruck, der zu politischen und gesellschaftlichen Spannungen führt. Der BGV analysiert, dass weder kurz noch langfristig Anzeichen für eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage bestehen. Unter Einbezug der Bevölkerungsentwicklung zeigt sich zudem, dass Graubünden eine Überalterung droht. Der BGV beschliesst, Gegensteuer zu geben, verstärkt die Zusammenarbeit mit Arbeitgeberverband, Handelskammer und HotellerieSuisse Graubünden und bezieht mit diesen Verbänden das Haus der Wirtschaft in Chur. Damit entstehen die Dachorganisationen der Wirtschaft Graubünden (DWGR), welche bis heute das politische Sprachrohr der Wirtschaft sind. Berichte des Wirtschaftsforums Graubünden führen 2013 zur Erkenntnis, dass Graubünden wirtschaftlich an einem ähnlichen Punkt steht wie vor dem Aufkommen von Tourismus und Kraftwerksbau in den Fünfzigerjahren. Die zentrale Frage lautet: Welche neuen Wachstumstreiber können dem Kanton künftig helfen?

Tourismus und Olympiaabstimmungen

Obwohl der Freihandel zur Jahrtausendwende blüht und die Globalisierung voranschreitet, nimmt auch in Graubünden die Wachstumskritik zu. Selbstverständliches wie Wintersportevents wird infrage gestellt. Trotz Unterstützung aller bürgerlichen Parteien und der Wirtschaft lehnt der Bündner Souverän einen Beitrag von sieben Millionen Franken zur Unterstützung der alpinen Ski Weltmeisterschaften 2003 ab. Erst im zweiten Anlauf gelingt es dem BGV, den auf vier Millionen Franken reduzierten Betrag durchzubringen. Diese beiden Abstimmungen sind für den BGV ein Signal, sich vermehrt dem wichtigsten Wirtschaftsmotor, dem Tourismus, zu widmen und seine Strategie neu auszurichten. Der BGV beteiligt sich an der Einführung der Marke Graubünden und an der Tourismusreform, mit dem Ziel, aus den rund 90 Verkehrsvereinen wettbewerbsfähigere Strukturen zu schaffen. Dies gelingt trotz erheblicher Widerstände – mit Ausnahme der Einführung einer neuen Tourismusabgabe zur Finanzierung des Tourismusmarketings, die am 25. November 2012 klar abgelehnt wird. Obwohl der BGV als Promoter früherer Olympiakandidaturen zwiespältige Erfahrungen gemacht hat, steht er weiterhin hinter Grossveranstaltungen. Mit Engagement unterstützt er die Kandidatur St. Moritz/Davos 2022, die vom Souverän mit knapp 53 Prozent abgelehnt wird. Angesichts einer sich verschlechternden Wirtschaftslage erarbeitet er gemeinsam mit Partnerkantonen eine Kandidatur für die Winterspiele 2026. Das dezentrale Konzept sieht vor, bisher übergangene Regionen und auch Chur einzubinden sowie verkehrsintensive Disziplinen ausserhalb Graubündens durchzuführen. Doch auch diese Idee überzeugt die Stimmbevölkerung nicht und wird mit rund 60 Prozent Nein Stimmen verworfen.

Abgewehrte Steuererhöhung

Erfolgreicher ist der BGV an der Steuerfront. Mittels wiederholter Eingaben gelingt es mit Unterstützung der bürgerlichen Parteien, die Steuerbelastung neben den natürlichen Personen auch jene bei den juristischen Personen zu reduzieren. Der wohl grösste Erfolg nimmt diesbezüglich allerdings an der sogenannten Gipfelstürmertagung im Oktober 2002 seinen Anfang. Die Regierung beantragt gleichentags eine allgemeine Steuererhöhung um 10 Prozent. Dagegen wehren sich die Präsidentenkonferenz und der Kantonalvorstand mit einer hochbeachteten Resolution: «Zuerst sparen, bevor Steuern erhöhen!» Der Grosse Rat folgte der Regierung bei der Steuererhöhung nicht. Die Wirtschaftsverbände schlagen ein eigenes Sparprogramm vor. Die Steuererhöhung kann abgewehrt werden und dank der Steuerbremse kann der Kanton sein Eigenkapital dank sprudelnder Steuern laufend erhöhen. Das frei verfügbare Kapital beläuft sich Ende 2024 auf fast eine Milliarde Franken. Auch deshalb gelingt es den Wirtschaftsverbänden zusammen mit den bürgerlichen Parteien, im Grossen Rat 2024 und 2025 dreimal die Steuern für natürliche Personen zu senken.

Raumplanung wird zum Sorgenkind

Harte Entscheide mit weitreichenden Folgen muss das Gewerbe in den Jahren 2012 und 2013 in raumplanerischer Hinsicht in Kauf nehmen. Die Annahme der Zweitwohnungsinitiative am 11. März 2012 (Weber Initiative «Schluss mit uferlosem Bau von Zweitwohnungen») sollte einschneidende Konsequenzen für die Volkswirtschaft haben. Gegen die Initiative wehrt sich der BGV mit erheblichen personellen und finanziellen Ressourcen. Ebenfalls wird ein Jahr später das revidierte Raumplanungsgesetz (RPG) angenommen, gegen welches sich der BGV ebenfalls ausgesprochen hat. Der BGV gehört zum Referendumskomitee, sammelt ohne Unterstützung Dritter Unterschriften und findet sich im eigenen Kanton als verlassener Rufer in der Wüste wieder. Beide Abstimmungsniederlagen haben nicht nur für das Gewerbe im Kanton, sondern für den gesamten Kanton heute spürbare negative Konsequenzen. Die Raumplanung ist zur Hauptherausforderung der Wirtschaft geworden. Der Zentralismus und die Verrechtlichung haben zugenommen, die Baulandpreise schiessen aufgrund der doppelten Verknappung des Bodens in die Höhe. Die Betriebe haben Mühe, sich aufgrund fehlender Fläche zu entwickeln, und für Mitarbeitende fehlt vielerorts bezahlbarer Wohnraum. Angesichts des verheerenden Schadens, den beide Abstimmungsvorlagen in Graubünden wenige Jahre später auslösen sollten, sieht sich der BGV in seiner Haltung zwar bestätigt, muss aber auch feststellen, dass diese späte Erkenntnis nutzlos ist. Entsprechend hat der BGV entschieden, sich dem Thema Raumplanung stärker zu widmen und 2025 einen Aktionsplan Raumplanung zu verabschieden.

Fachkräftemangel und Pandemie

Dass der Wohlstand auf prosperierenden Rahmenbedingungen für die Wirtschaft beruht, kommt in Politik und Stimmbevölkerung immer mehr abhanden. Dieser Prozess setzte sich in den letzten 25 Jahren fort. Dies muss der BGV in seiner politischen Arbeit, sei dies auf Kantonsebene oder bei Abstimmungsvorlagen, immer wieder erfahren, so auch bei der Annahme der 13. AHV Rente oder der Ablehnung der Finanzierung der Autobahnengpassbeseitigung STEP. Die Coronapandemie und die zahlreichen Einschränkungen der Wirtschaftsfreiheit sind einschneidend. Er kämpft für möglichst wirtschaftsfreundliche Eindämmungsmassnahmen und pragmatische Corona Entschädigungen, richtet eine Beratungsstelle ein und orientiert die Mitglieder regelmässig über neueste Entscheide. Allgemein hat die Kommunikation beim BGV an Bedeutung gewonnen. Er baut diese vor allem im digitalen Bereich laufend aus und visualisiert und modernisiert seinen Auftritt 2025 mit einem neuen Claim: «Wir schaffen Zukunft». Ebenfalls baut er seine Aktivitäten im Bereich Anlässe und Weiterbildungen aus und beteiligt sich an der Höheren Wirtschaftsschule Graubünden. Bei den Herausforderungen tritt der sich abzeichnende Fachkräftemangel ein. Die Hauptsorge der meisten Mitglieder ist daher nicht zu wenig Aufträge, sondern zu wenig Mitarbeitende. Der BGV richtet seine politischen und anderen Aktivitäten danach aus, stärkt sein Engagement im Bereich Berufsbildung und veröffentlicht 2024 die Strategie Berufsbildung Graubünden 2035.

Fiutscher – der Leuchtturm des BGV

Auch der Leuchtturm des BGV, die eigene Bündner Berufsausstellung Fiutscher, entsteht unter dem Stern des Fachkräftemangels. Vorausschauend auf die demografische Entwicklung nimmt der BGV das Projekt in die Hand. Da vielerorts der Lehrstellenmangel und nicht der Lernendenmangel vor Augen ist, müssen die Branchenverbände zuerst überzeugt werden, bei der kantonalen Berufsausstellung mitzumachen. Die erste Durchführung muss sogar verschoben werden. Während die erste Ausstellung 2010 von 7000 Besuchern besucht wird, werden 2025 bei der achten Durchführung 17 000 Eintritte verzeichnet. Die Ausstellungsfläche wird in dieser Zeit verdoppelt. Mit Fiutscher kann der BGV auch sein Engagement für die Berufsbildung zeigen. Es ist ein Projekt mit einer grossen Sympathie und Unterstützung von allen Seiten.

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