«Bei Neubauten kann das Konzept Fassaden-PV bereits bei der Planung erfolgen»

Photovoltaik gehört auf das Dach – doch längst nicht nur dorthin. Gerade in Graubünden bieten auch Fassaden ein grosses Potenzial für die Produktion von Solarstrom. Dank ihrer vertikalen Ausrichtung können sie insbesondere im Winter punkten: Sie bleiben weitgehend schneefrei, profitieren von der tief stehenden Sonne und in den Bergen zusätzlich von hoher Sonneneinstrahlung und der Reflexion des Schnees. Gleichzeitig haben sich PV-Module technisch und gestalterisch stark weiterentwickelt und lassen sich heute zunehmend als Teil der Gebäudehülle einsetzen. Christian Allemann von Hassler Energia in Zillis erklärt, wo die Chancen von Photovoltaik-Fassaden liegen, welche Gebäude sich dafür eignen und weshalb sie für Graubünden besonders interessant sind.

Christian Alemann, Photovoltaik-Anlagen auf Dächern sind heute weit verbreitet. Weshalb rücken nun auch Fassaden zunehmend in den Fokus? Welche Vorteile bieten sie gegenüber klassischen Dachanlagen?
PV-Anlagen an Fassaden entfalten ihr Potenzial bei der Winterstromerzeugung, da sie schneefrei bleiben. Zudem entspricht ihre vertikale Ausrichtung dem tiefen Einstrahlungswinkel der Sonne in den Wintermonaten. In den Sommermonaten läuft eine vertikale Fassadenanlage dagegen nicht im Optimum. Dann haben klassische PV-Dachanlagen einen hohen Wirkungsgrad und erbringen die gewünschte Jahresproduktion.

Graubünden gilt als idealer Standort für Photovoltaik. Welche Rolle können vertikale PV-Fassaden gerade in den Bergregionen und bei der Winterstromproduktion übernehmen?
In den Bergregionen ist dank stärkerer Sonneneinstrahlung (Höhenlage und mehr Sonnentage) auch im Winter mit einem Mehrertrag an Sonnenstrom gegenüber dem Unterland zu rechnen. Zudem bringt die Reflexion durch Schnee zusätzliche Strahlung auf die PV-Module.

Welche Gebäude eignen sich besonders für eine Photovoltaik-Fassade? Ist die Technologie eher für Neubauten interessant oder lassen sich auch bestehende Gebäude sinnvoll nachrüsten?
Es gibt vielerlei Gebäude, die eine nach Osten, Süden und Westen ausgerichtete Freifläche an der Fassade haben. Das sind oft Gewerbegebäude, Grossviehställe oder Hauswände ohne grosse Fensterflächen. Aber auch Geländer, Brüstungen oder Balkone eignen sich hervorragend, um mit Photovoltaikmodule bestückt zu werden. Und Kombinationen sind ebenfalls möglich, um eine grösstmögliche Ausnutzung der Fassadenfläche zu erreichen. Bei Neubauten kann das Konzept Fassaden-PV bereits bei der Planung erfolgen. Standardgrössen von Solarmodulen auf dem Markt bestimmen so die Flächen der Solarfassade und nicht umgekehrt. Das hält die Kosten tiefer. Ebenso gibt es weniger Leerflächen, die nur aus ästhetischen Gründen schwarz kaschiert werden. Denn PV-Module von der Stange sind günstiger als massgefertigte Blindmodule.

Aus Ihrer Erfahrung: Welche Fragen oder Vorbehalte begegnen Ihnen bei Bauherrschaften am häufigsten, wenn es um PV-Fassaden geht?
Oft ist die bereits angesprochene Ästhetik Thema in der Beratung und Planung. Moderne Elemente wie PV-Module auf eine historische Fassade gefällt nicht allen. Aber gerade schwarze Module auf einer Holzfassade oder an Balkonen zu einer hellen Hauswand ergänzen sich gut. An industriellen Trapezblechfassaden oder Betonwänden wird eher um den Flächenpreis oder die Leistung verhandelt. Ab einer Höhe von elf Meter, was ungefähr drei Geschossen entspricht, kommt der Brandschutz ins Spiel. Hier gelten strengere Auflagen, ein Brandschutzplaner muss beigezogen werden und  es müssen beispielsweise Brandschutzabschnitte eingebaut werden. Positiv wirkt sich die Förderung von Bund und Kanton aus. So können bis 500 Franken zusätzlich pro kWp-Leistung beantragt werden, wenn die Bedingen erfüllt sind. Damit werden Fassadenanlagen gegenüber Dachanlagen auch finanziell attraktiv, da ein Mehraufwand bei Gerüst, Befestigung und Montage besteht.

Wie hat sich die Technik in den vergangenen Jahren entwickelt? Spielen heute neben der Energieproduktion auch Aspekte wie Architektur, Gestaltung und die Integration in die Gebäudehülle eine immer wichtigere Rolle?
Die PV-Module sind leistungsfähiger geworden und haben sich optisch verändert. Waren vor zehn Jahren noch die Siliziumzellen deutlich sichtbar und weis umrandet, sind die heutigen flächig schwarz ohne sichtbaren Lötstellen und Verdrahtung, auf Wunsch sogar matt und reflexionsarm. Auch die Preise sind massiv gesunken, wie in Rechenbeispiel aufzeigt. Ein 50 Watt-Modul hat vor 40 Jahren rund 1200.- Franken gekostet. Heute gibt es hochwertige 500 Watt-Module bereits für 120.- Franken, also der 100ste Teil im Verhältnis von Preis und Leistung. Die sogenannten «Full-Black» Module werden für die Architektur zu gestalterischen Fassadenelemente, wie wir es vom Hamilton Hochregallager in Domat/Ems her kennen. Aber auch Ein- und Mehrfamilienhäuser können durch eine PV-Fassade oder Balkonanlage profitieren. PV-Module gibt es sogar nach Mass und in verschiedenen Farben, was allerdings teurer ist und zu Leistungseinbussen führt. Für eine effiziente und wirtschaftliche PV-Anlage eher nicht zu  empfehlen.

Wie schätzen Sie das Potenzial von Photovoltaik-Fassaden in Graubünden ein? Wo sehen Sie die grössten Chancen und welche Voraussetzungen braucht es, damit diese Technologie künftig häufiger zum Einsatz kommt?
Wie bereits erwähnt, ist das Potenzial sehr gross. Die Fachhochschule Graubünden, einzelne Regionen wie auch das Tiefbauamt Graubünden arbeiten daran, diese Ressourcen zugänglich zu machen. Das betrifft allerdings mehr bestehende Infrastrukturen und weniger Neubauten. Hier ist Architektur und Bauplanung gefordert, der Kundschaft die Energieerzeugung über die Gebäudehülle und deren Doppelnutzen schmackhaft zu machen. PV-Anlagen sparen den Fassadenbelag ein und erzeugen zudem wertvollen Winterstrom - made in Graubünden.

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