«Aus meiner Sicht liegt grosses Potenzial in der intelligenten Vernetzung bestehender Angebote»
26.05.2026
Fast zwei Drittel der Gäste in Graubünden stammen aus der Schweiz. Entsprechend sei die Verkehrsanbindung an die übrige Schweiz zentral für den Tourismus in Graubünden, sagt Kevin Brunold. Seilbahnen könnten künftig als Ergänzung des öffentlichen Verkehrs die Reisezeiten für Einheimische und Gäste verkürzen, glaubt der CEO von Surselva Tourismus. «Ich gebe zu: Es sind grosse Visionen. Sie bieten aber grosses Potenzial für den immer wichtiger werdenden Sommertourismus, helfen aber auch dabei, Nachhaltigkeitsziele zu erreichen und den Individualverkehr zu reduzieren», so Brunold.
Kevin Brunold, welche Bedeutung hat die Verkehrsinfrastruktur für den Tourismus in der Surselva?
Die Verkehrsinfrastruktur ist für die Surselva von zentraler Bedeutung – sowohl für die Wohnbevölkerung als auch für den Tourismus. Wir dürfen feststellen, dass der überwiegende Teil unserer Gäste aus der Schweiz beziehungsweise der Deutschschweiz und aus Süddeutschland stammt. Die Erreichbarkeit ist daher ein entscheidender Wettbewerbsfaktor. Je einfacher und bequemer unsere Region erreicht werden kann, desto besser geht es uns als Tourismusdestination. Unsere Gäste erreichen die Surselva heute bequem in weniger als zwei Stunden ab Zürich HB mit der SBB und der RhB. Mit dem Postauto gelangen sie anschliessend aus dem Tal in die verschiedenen Dörfer. Mit dem letzten Fahrplanwechsel hat der öffentliche Verkehr dank dem Ausbau der Halbstundentakt-Verbindungen weiter an Attraktivität gewonnen. Auch die Strassenerschliessung der Surselva ist gut ausgebaut. Dank der Umfahrungstunnel von Trin und Flims sowie der Umfahrung Ilanz ist die Anfahrt auch mit dem Auto bequem möglich.
Wie beurteilen Sie als CEO der Tourismusdestination Surselva die Idee, Gemeinden künftig stärker über Seilbahnen zu erschliessen?
Die Idee ist sehr spannend. Gerade das Berner Oberland zeigt, dass solche Seilbahnen sehr erfolgreich sein können. Sie könnten an gewissen Orten eine sinnvolle Ergänzung zum bestehenden öffentlichen Verkehr darstellen – insbesondere dort, wo topografische Herausforderungen bestehen oder Strassen an ihre Grenzen kommen. Wichtig ist jedoch, dass solche Projekte nicht isoliert gedacht werden. Sie müssen verkehrstechnisch, wirtschaftlich und touristisch langfristig funktionieren und einen echten Mehrwert für Bevölkerung und Gäste schaffen.
Welche konkreten Vorteile könnte eine solche Erschliessung bringen – für Einheimische und für den Tourismus?
Wenn ich es aus Perspektive der Surselva betrachte, dann hat die Idee durchaus ihren Reiz. Betrachtet man die Topografie unseres Tals, wäre es eine interessante Möglichkeit, die Dörfer auf den höher gelegenen Terrassen per Seilbahn mit der RhB im Talboden zu verbinden. Die Distanzen von den Dörfern zu den Bahnhöfen wären erstaunlich kurz – deutlich kürzer als die heutigen Strassenverbindungen. Das ist eine spannende Zukunftsvision. Für Einheimische könnten kürzere Reisezeiten und bessere Anschlüsse an Bahn und Bus die Attraktivität des Wohn- und Arbeitsstandorts erhöhen. Gerade für junge Familien oder Pendler spielt die Erreichbarkeit eine grosse Rolle. Gleichzeitig könnten sich solche Projekte positiv auf die Positionierung als nachhaltige Tourismusdestination auswirken.
Wo sehen Sie Schwächen oder Risiken bei den Vorschlägen des WIFO?
Die grösste Herausforderung liegt vermutlich in der Wirtschaftlichkeit. Bau, Betrieb und Unterhalt solcher Anlagen sind kostenintensiv und müssen langfristig tragbar sein. Zudem darf man die Kapazitätsgrenzen von Seilbahnen nicht unterschätzen. Ein weiteres Risiko besteht darin, die Erwartungen zu hoch anzusetzen. Eine Seilbahn allein löst keine grundsätzlichen Herausforderungen des alpinen Verkehrs oder der regionalen Entwicklung. Entscheidend bleibt ein gutes Zusammenspiel aller Verkehrsträger.
Die Idee einer Seilbahn von Ilanz auf den Mundaun ist nicht neu. Wie ist der aktuelle Stand des Projekts?
Wir arbeiten am Projekt «R(h)ein & rauf», welches Ilanz mit einer Seilbahn direkt mit dem Piz Mundaun verbinden möchte. Ich bin überzeugt, dass dies ein echter Wendepunkt für die Surselva wäre, wenn wir das Tourismusgebiet Obersaxen Mundaun Lumnezia direkt an die Stadt Ilanz anschliessen könnten. In zwei Stunden und 15 Minuten könnte man von Zürich mit je einem Umstieg in Chur und Ilanz bequem mit dem öffentlichen Verkehr auf den Piz Mundaun reisen. Über den öffentlichen Verkehr könnten wir auch den Rhein, die Rheinschlucht, das Städtli Ilanz und den Piz Mundaun zu einem touristischen Gesamterlebnis verbinden. Das wäre ein attraktives Produkt für den Sommertourismus, welches dank der direkten ÖV-Erschliessung auch dem Wintertourismus zusätzlichen Schub verleihen könnte. Würden zudem die Gemeinden Obersaxen Mundaun und Breil/Brigels mit einer Seilbahn über den Talboden verbunden, entstünde eine ideale Erschliessung der touristischen Gebiete in der mittleren Surselva.
Wie gross sind die Erfolgschancen für eine solche Realisierung?
Ich gebe zu: Es sind grosse Visionen. Wenn wir jedoch einen Blick auf die Bündner Bahnpioniere werfen, dann zeigt sich, dass sich langfristige Infrastrukturprojekte lohnen können. Sie bieten grosses Potenzial für den immer wichtiger werdenden Sommertourismus, helfen aber auch dabei, Nachhaltigkeitsziele zu erreichen und den Individualverkehr zu reduzieren.
Wenn Sie sich eine neue Verkehrsinfrastruktur mit touristischem Mehrwert für Graubünden wünschen könnten: Wo würden Sie ansetzen?
Aus meiner Sicht liegt grosses Potenzial in der intelligenten Vernetzung bestehender Angebote. Gäste wünschen sich eine einfache und durchgängige Mobilität – von der Anreise bis zur letzten Meile. Ich würde deshalb insbesondere in integrierte Mobilitätslösungen investieren: bessere Taktungen, einfachere Gepäcklösungen, attraktive ÖV-Pässe oder Rundreiseangebote. Graubünden verfügt bereits heute über ein starkes ÖV-Angebot und entsprechende touristische Produkte. Entscheidend wird sein, die Mobilität für Gäste künftig noch nachhaltiger, komfortabler und erlebnisorientierter zu gestalten. Und wenn ich schon einen Wunsch äussern darf, dann natürlich die möglichst rasche Realisierung der Seilbahn von Ilanz auf den Piz Mundaun.

