Der zweite Anlauf kann der entscheidende sein
17.04.2026
Viele Erwachsene arbeiten seit Jahren kompetent in ihrem Beruf – auch ohne eidgenössischen Abschluss. Im Rahmen der Woche der Berufsbildung vom 4. bis 8. Mai zeigt der Kanton Graubünden, wie sich Berufserfahrung in ein EFZ oder EBA umwandeln lässt. Drei Wege führen zum Ziel.
Als Maria, 38, morgens die Tür zum Pflegeheim öffnet, sitzt jeder Handgriff. Sie begleitet Bewohnerinnen durch den Alltag, organisiert Abläufe, übernimmt Verantwortung und beruhigt Angehörige in schwierigen Momenten. Seit Jahren arbeitet sie mit grosser Professionalität. Was ihr bisher fehlte, war der offizielle Nachweis für das, was sie längst kann: ein eidgenössischer Berufsabschluss. Viele Erwachsene verfügen über jahrelange Berufserfahrung, aber über keinen formalen Abschluss. Gerade in Branchen mit grossem Fach-kräftebedarf wird das zunehmend wichtig – für die Betroffenen ebenso wie für
die Betriebe.
Die Woche der Berufsbildung vom 4. bis 8. Mai macht solche Bildungswege sichtbar. Sie zeigt: Berufsbildung ist keine Frage des Alters, sondern eine Chance, die sich jederzeit neu eröffnen kann. «Viele Erwachsene unterschätzen, wie viel Wissen und Können sie bereits mitbringen», sagt Petra Wyss vom Amt für Berufsbildung Graubünden. «In der Beratung schauen wir gemeinsam, welcher Weg die besten Erfolgschancen bietet.»
Der erste Schritt führt zur Beratung
Wer als erwachsene Person ein Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis (EFZ) oder ein Eidgenössisches Berufsattest (EBA) erwerben möchte, beginnt mit einer persönlichen Standortbestimmung bei der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung. Dort werden Möglichkeiten und Voraussetzungen aufgezeigt, verschiedene Verfahren verglichen und die individuelle Lebenssituation einbezogen.
Drei Wege zum Berufsabschluss
Am Ende der Beratung sollen die Kundinnen und Kunden klar einschätzen können, welcher Weg für sie am geeignetsten ist. Für Erwachsene mit Berufserfahrung gibt es in Graubünden drei anerkannte Wege zum Eidgenössischen Fähigkeitszeugnis oder Berufsattest.
Ein erster Weg ist die klassische berufliche Grundbildung mit Lehrvertrag.
Auch Erwachsene können eine reguläre Lehre absolvieren. Je nach Vorbildung ist eine Verkürzung möglich, zudem können die Anrechnung von Bildungsbereichen oder Dispensen beantragt werden.
Wer bereits mindestens fünf Jahre Berufserfahrung nachweisen kann – davon mehrere Jahre im entsprechenden Beruf – kann die berufliche Grundbildung über eine Validierung von Bildungsleistungen oder die direkte Zulassung zum Qualifikationsverfahren erlangen. Je nach Beruf sind zudem Deutsch- respektive Italienischkenntnisse auf Niveau B1 respektive B2 nötig.
Bei der Validierung werden die im Berufsalltag erworbenen Kompetenzen in einem Dossier dokumentiert. Fachpersonen prüfen anschliessend, welche Fähigkeiten bereits vorhanden sind und welche Qualifikationen noch angeeignet werden müssen. Bei der direkten Zulassung zum Qualifikationsverfahren bereiten sich Erwachsene eigenständig auf das Qualifikationsverfahren vor.
Erfahrungsbericht einer Absolventin
«Ich bin sehr dankbar, dass ich mit 55 Jahren die Ausbildung zur Fachfrau Betreuung Kinder EFZ erfolgreich abschliessen konnte» sagt Iris Kloos aus Chur, die im letzten Jahr das Validierungsverfahren erfolgreich abgeschlossen hat. «Im Vorfeld hatte ich zwei bis drei Telefongespräche mit der Berufsberatung in Chur. Dabei wurde auch geklärt, ob die Kosten übernommen werden. Anschliessend besuchte ich einen Informationstag vor Ort in Zürich, zwei weitere Zoom-Gespräche mit der Berufsberatung folgten. Danach konnte ich mit der Validierung starten. Ab diesem Zeitpunkt lief alles bequem online über den Computer», erklärt Kloos. Sie habe insgesamt 29 Module schriftlich erarbeitet und abgeschlossen. «Den Abschluss bildete ein mündlicher Nachweis meiner Arbeiten sowie in der Allgemeinbildung in Zürich . Ich bin sehr dankbar für diese Möglichkeit, das EFZ auf diesem Weg erlangt zu haben, nachdem ich jahrzehntelang in diesem Beruf gearbeitet habe, aber nie über den entsprechenden Abschluss verfügte. Ich kann diesen Weg wirklich jeder und je-
dem empfehlen», so Kloos.
Mehr als ein Abschluss
Auch für Maria war das EFZ weit mehr als ein Diplom. Es war die Bestätigung dessen, was sie sich über Jahre erarbeitet hatte und gleichzeitig der Schlüssel für neue Entwicklungsmöglichkeiten. «Ein anerkannter Abschluss schafft Selbstvertrauen und eröffnet neue Perspektiven», sagt Petra Wyss. Viele erleben ihn als offizielle Anerkennung ihrer langjährigen Leistung. In Zeiten des Fachkräftemangels werden Kompetenzen sichtbar gemacht, die vorhanden sind. Betriebe gewinnen Fachkräfte. Gerade darum ist der zweite Anlauf ein wichtiger Schritt in die Zukunft.

