Die wirtschaftliche Lebensader Graubündens
09.07.2026
Die Ablehnung des Bundesbeschlusses über den Ausbauschritt 2023 für die Nationalstrassen durch das Schweizer und Bündner Stimmvolk im November 2024 hatte weitreichende Folgen. Mit der Vorlage «Verkehr 45» hat der Bund die Prioritäten im Strassen- und Schienenverkehr neu festgelegt. Aus Sicht Graubündens ist die Vorlage unausgewogen und auf das Mittellandausgerichtet. Die beiden zentralen Bündner Projekte, die Umfahrung Bivio und der Ausbau des Isla-Bella-Tunnels, wurden auf unbestimmte Zeit verschoben. Umso wichtiger ist es, dass der Kanton Graubünden geschlossen auftritt und mit starken Allianzen erreicht, dass diese Projekte spätestens im übernächsten Ausbauprogramm des Bundes berücksichtigt werden. Die entscheidenden Weichen dafür werden in den kommenden eineinhalb Jahren in Bundesbern im Rahmen der Beratung der Vorlage «Verkehr», welche aktuell in Vernehmlassung ist, gestellt.
Dafür ist ein geschlossenes Engagement von Politik, Wirtschafts- und Mobilitätsverbänden sowie den Bündner Bundesparlamentariern für den Ausbau der A13 zwischen Reichenau und Rothenbrunnen notwendig. Starke Allianze und eine nationale Argumentation sind zentral: Als einzige leistungsfähige Alternativroute zum Gotthard ist die A13 von strategischer nationaler Bedeutung. Fällt die A2 infolge eines Naturereignisses oder eines anderen Ereignisses länger aus, muss die A13 diese Funktion übernehmen können. Entscheidend ist deshalb nicht die konkrete Ausbauvariante beim Isla Bella, sondern dass der Ausbau rasch realisiert wird. Dies ist auch im Interesse der ganzen Schweiz. Für die wirtschaftliche Entwicklung Graubündens sind neben der innerkantonalen Erschliessung auch leistungsfähige Verbindungen in die Ostschweiz, nach Zürich, Süddeutschland und Norditalien von Bedeutung. Entsprechend muss sich der Kanton auch für den weiteren Ausbau der Bahnverbindungen zwischen Zürich und Graubünden einsetzen.
Ebenfalls soll der Grosse Rat analog zur gesetzlichen Grundlage für die Vorfinanzierung von Bahninfrastrukturen und auch für Nationalstrassen die Möglichkeit einer Vorfinanzierung durch den Kanton schaffen. Damit könnten Planungen der Nationalstrassen wie beispielsweise für die Umfahrung Bivio unabhängig von Bundesentscheiden vorangetrieben werden. Gleichzeitig ist zu prüfen, ob die Integration der Julierstrasse ins Nationalstrassennetz langfristig sinnvoll ist oder ob eine Rückstufung dieser wichtigen Nord-Süd-Verbindung zur Kantonsstrasse den Interessen Graubündens besser dienen würde.
Bei den Kantonsstrassen kann Graubünden selbst handeln, während bei den Nationalstrassen und der Schiene der Bund die Prioritäten setzt. Die Bundesfonds für Strasse und Schiene reichen jedoch, um alle Projekte zeitnah zu finanzieren. Anders präsentiert sich die Situation bei den Kantonsstrassen: Dort stehen grundsätzlich genügend Mittel zur Verfügung, die in den vergangenen Jahren jedoch nicht eingesetzt wurden. Dank verschiedener kantonaler Entscheide bestehen heute bessere Voraussetzungen, die vorhandenen Mittel künftig konsequent für Erhalt und Ausbau der kantonalen Strasseninfrastruktur einzusetzen. Der Kanton braucht dafür jedoch eine klare Strategie für die Weiterentwicklung der Kantonsstrassen und eine langfristige Investitionsplanung mit klaren Kriterien für die Priorisierung. Grössere Projekte sollten parallel geplant werden, um Verzögerungen durch Einsprachen zu reduzieren. Mit der Aufhebung des 100-Millionen-Deckels bei der Spezialfinanzierung Strassen hat der Grosse Rat dafür eine wichtige Voraussetzung geschaffen.
Die Verkehrsinfrastruktur war in der Vergangenheit der wirtschaftliche Motor Graubündens – und sie bleibt es auch in Zukunft. Wenn es gelingt, die Kräfte zu bündeln und langfristig zu denken, kann unser Kanton erneut die richtigen Weichen für kommende Generationen stellen. Wer Wertschöpfung, Arbeitsplätze, Tourismus und dezentrale Regionen sichern will, muss bereit sein, in eine leistungsfähige Verkehrsinfrastruktur zu investieren. Gerade in einem Bergkanton ist der motorisierte Individualverkehr für viele Menschen unverzichtbar. Fahrzeuge mit Allradantrieb und ausreichender Leistung sind häufig keine Luxusgüter, sondern Voraussetzung für den Alltag. Mobilitätspolitik darf deshalb nicht ideologisch geprägt sein. Die Verkehrsinfrastruktur bildet seit jeher die wirtschaftliche Lebensader Graubündens und ist eine zentrale Voraussetzung für die dezentrale Besiedlung. Die 385 Kilometer Bahnstrecke der Rhätischen Bahn (RhB) dienen heute vor allem dem Personenverkehr. Für Gütertransporte, Gewerbe und Individualverkehr bleibt das Strassennetz jedoch unverzichtbar. Graubünden verfügt über rund 4700 Kilometer Strassen, davon etwa 1500 Kilometer National- und Kantonsstrassen mit mehr als 1500 Brücken, Galerien und Tunnels. In den Erhalt und Ausbau dieser Infrastruktur investiert die öffentliche Hand jährlich rund eine halbe Milliarde Franken. Die Strecken der RhB entstanden innerhalb von nur 25 Jahren. Unsere Vorfahren schufen mit Mut, Weitblick und Pioniergeist Infrastrukturen, die Graubünden bis heute prägen. Viadukte, Tunnels und Bahntrassen gehören ebenso zu unserem Kanton wie Kultur und Kulinarik.
Um die Weiterentwicklung der Verkehrsinfrastruktur gezielt voranzutreiben, hat der Bündner Gewerbeverband (BGV) die Interessengemeinschaft (IG) Mobilität Graubünden initiiert. Als breit abgestützte Allianz aus Politik, Wirtschaft und Regionen soll sie die Interessen Graubündens bündeln und wichtige Infrastrukturprojekte politisch begleiten. Ziel ist eine gesamtkantonale Mobilitätspolitik, bei der das Gesamtinteresse über Einzelinteressen steht. Die Erfahrung zeigt, dass grosse Verkehrsprojekte erfolgreicher sind, wenn ihre Befürworter koordiniert auftreten. Die IG Mobilität vernetzt die Akteure, entwickelt gemeinsame Positionen und setzt sich mit klaren Botschaften für eine langfristige Verbesserung der Erreichbarkeit Graubündens ein. Gemeinsam für zukunftsgerichtete Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur. Dafür wird sich der Bündner Gewerbeverband auch künftig einsetzen.

