«Die Verantwortung bleibt immer beim Menschen»
13.08.2026
Digitalisierung und Künstliche Intelligenz eröffnen KMU neue Chancen – bringen aber auch neue Risiken mit sich. Die Keller Laser AG in Trimmis treibt die digitale Transformation seit Jahren gezielt voran und setzt KI bereits in verschiedenen Bereichen ein. Wie wichtig dabei Sicherheit und Widerstandsfähigkeit sind, erlebte das Unternehmen im August 2025, als es Opfer eines Ransomware-Angriffs wurde. Co-Geschäftsführer Enrico Bellasi spricht über die Chancen von KI, die Einbindung der Mitarbeitenden und die Lehren aus einem Cyberangriff, der weit über die IT hinaus Auswirkungen hatte.
Enrico Bellasi, wenn Sie auf Ihr Unternehmen blicken: Wie digital arbeitet die Keller Laser AG tatsächlich?
Wir arbeiten heute in vielen Bereichen sehr digital, von der Kundenanfrage über die Arbeitsvorbereitung und Produktion bis zum Qualitätsmanagement und zur Administration. Unsere Maschinen, Softwaresysteme und betrieblichen Abläufe sind zunehmend miteinander vernetzt. Gleichzeitig digitalisieren wir nicht um der Digitalisierung willen, sondern immer dort, wo ein konkreter Nutzen für unsere Mitarbeitenden, Kunden oder Prozesse entsteht.
Welche Bedeutung hat die Digitalisierung für Ihr Unternehmen? Ist sie inzwischen ein entscheidender Wettbewerbsvorteil oder schlicht eine Voraussetzung, um am Markt bestehen zu können?
Sie ist heute beides. Gewisse digitale Fähigkeiten sind eine Grundvoraussetzung, um effizient und wettbewerbsfähig arbeiten zu können. Ein echter Vorteil entsteht aber erst dann, wenn digitale Lösungen gezielt auf die eigenen Abläufe zugeschnitten werden und dadurch Qualität, Geschwindigkeit oder Transparenz verbessern.Gleichzeitig wachsen mit der Digitalisierung auch die Abhängigkeiten. Diese Kehrseite haben wir als Unternehmen selbst sehr deutlich erfahren, weshalb für uns Digitalisierung, Sicherheit und Widerstandsfähigkeit untrennbar zusammengehören.
Künstliche Intelligenz ist derzeit in aller Munde. Welche Rolle spielt KI heute bereits bei der Keller Laser AG?
Wir gehen das Thema bewusst pragmatisch an. KI ist für uns kein Selbstzweck und auch kein Wundermittel, sondern ein zusätzliches Werkzeug. Um den Einsatz gezielt und verantwortungsvoll weiterzuentwickeln, haben wir eine eigene KI-Strategie erarbeitet. Wir testen gezielt, bei welchen Aufgaben KI einen tatsächlichen Mehrwert schafft und wo klassische Lösungen weiterhin besser geeignet sind. Aktuell liegt der Schwerpunkt vor allem bei wissensintensiven und administrativen Tätigkeiten. In der Produktion sehen wir grosses Potenzial, befinden uns aber noch in einer frühen Phase.
Gibt es konkrete Anwendungen, bei denen KI Ihre Mitarbeitenden bereits heute unterstützt – beispielsweise in der Administration, im Marketing, in der Produktion oder im Kundenservice?
KI unterstützt heute punktuell bei der Strukturierung und Zusammenfassung von Informationen, bei Textentwürfen, Recherchen, Auswertungen sowie in der Projekt- und Konzeptarbeit. Auch bei Digitalisierungsprojekten kann sie als Sparringspartner dienen, um Anforderungen, Varianten oder Lösungsansätze schneller zu entwickeln. Wichtig ist für uns, dass die Ergebnisse weiterhin von Menschen geprüft und verantwortet werden. KI soll die Mitarbeitenden unterstützen, nicht ihre Beurteilung ersetzen.
Wo sehen Sie das grösste Potenzial von KI für ein Unternehmen Ihrer Grösse in den kommenden Jahren?
Das grösste Potenzial sehen wir in der Verbindung von KI mit unseren eigenen Prozessen und Daten. Interessant wird es dann, wenn KI nicht isoliert als Chatlösung eingesetzt wird, sondern Mitarbeitende direkt in ihren täglichen Abläufen unterstützt. Denkbar sind beispielsweise eine intelligentere Aufbereitung von Kundenanfragen, eine einfachere Wissenssuche, Unterstützung bei Planungs- und Qualitätsaufgaben oder die Automatisierung wiederkehrender administrativer Tätigkeiten. Dadurch können sich unsere Fachkräfte stärker auf anspruchsvolle und wertschöpfende Aufgaben konzentrieren.
Gleichzeitig bestehen auch Vorbehalte gegenüber KI. Wo sehen Sie Chancen und wo ziehen Sie bewusst Grenzen?
KI kann repetitive Arbeiten reduzieren, Informationen schneller zugänglich machen und neue Sichtweisen eröffnen. Grenzen ziehen wir dort, wo sensible Daten, sicherheitsrelevante Prozesse oder Entscheidungen mit direkten Auswirkungen auf Menschen betroffen sind. Personelle Entscheide, technische Freigaben oder kritische Qualitäts- und Sicherheitsfragen dürfen nicht unkontrolliert einer KI überlassen werden. Die Verantwortung bleibt immer beim Menschen.
Welche digitalen Technologien oder Softwarelösungen haben Ihr Unternehmen in den vergangenen Jahren am stärksten verändert?
Ein wichtiger Schritt war die Einführung unseres Produktionsplanungssystems. Damit wurden die Abläufe in der Produktion transparenter, durchgängiger und stärker miteinander vernetzt. Daneben haben Microsoft 365, SharePoint und die Power Plattform vieles verändert. Mit Power Apps und Power BI entwickeln wir eigene, gezielt auf unsere Prozesse zugeschnittene Lösungen. Ein Beispiel ist unsere Rüstschein-App, welche die Materialbereitstellung digital unterstützt, Informationen zentral verfügbar macht und die tägliche Arbeit deutlich vereinfacht. Aktuell digitalisieren wir zudem den Eingang von Kundenanfragen und Bestellungen. Statt Informationen in verschiedenen E-Mail-Ordnern zu verwalten, werden sie künftig automatisiert erfasst, strukturiert zugewiesen und über den gesamten Bearbeitungsprozess transparent nachverfolgt. Einen weiteren wichtigen Baustein bilden unser modernes Intranet und das darin integrierte Qualitätsmanagementsystem. Damit schaffen wir eine zentrale Plattform für Informationen, Wissen und gelenkte QM-Dokumente. Über diese praxiserprobte Lösung durften wir im Juni gemeinsam mit unserem Umsetzungspartner an einem öffentlichen Online-Fachevent berichten, der entsprechende Beitrag ist für Interessierte über eine einfache Websuche auffindbar.
Digitalisierung bedeutet auch Veränderung für die Mitarbeitenden. Wie gelingt es Ihnen, Ihr Team auf diesem Weg mitzunehmen?
Wir versuchen, die Mitarbeitenden möglichst früh einzubeziehen und bei konkreten Herausforderungen aus ihrem Arbeitsalltag anzusetzen. Eine Lösung wird besser akzeptiert, wenn erkennbar ist, welches Problem sie löst und welche Erleichterung sie bringt. Gerade beim Thema Künstliche Intelligenz haben wir deshalb gemeinsam mit unseren Mitarbeitenden einen praxisnahen Workshop durchgeführt. Dabei ging es nicht um Theorie, sondern darum, Chancen, Grenzen und konkrete Einsatzmöglichkeiten verständlich und greifbar zu machen. Kleine, sichtbare Erfolge helfen oft mehr als grosse Konzepte. Ebenso wichtig ist, kritische Rückmeldungen ernst zu nehmen. Digitalisierung funktioniert nicht gegen die Mitarbeitenden, sondern nur gemeinsam mit ihnen.
Die Ausbildung der Lernenden verändert sich ebenfalls laufend. Welche digitalen Kompetenzen erwarten Sie heute von jungen Berufsleuten – und welche vermitteln Sie Ihren Lernenden im Betrieb?
Der sichere Umgang mit digitalen Werkzeugen gehört heute selbstverständlich dazu. Ebenso wichtig sind aber kritisches Denken, ein verantwortungsvoller Umgang mit Daten und die Fähigkeit, digitale oder KI-generierte Ergebnisse zu hinterfragen. Unsere Lernenden sollen nicht nur wissen, wie ein Werkzeug bedient wird. Sie sollen auch verstehen, welcher Prozess dahintersteht, wo Risiken bestehen und weshalb der Mensch weiterhin Verantwortung trägt. Cyber Security und der bewusste Umgang mit Informationen gewinnen dabei stark an Bedeutung.
Welche Hürden begegnen Ihnen bei der Digitalisierung am häufigsten – sind es Investitionen, Datensicherheit, fehlende Fachkräfte oder eher die Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung?
Die grösste Herausforderung ist häufig nicht die Technologie selbst, sondern die Kombination aus Zeit, Prioritäten, bestehenden Systemen, Datenqualität und Veränderungsbereitschaft. Nicht jede technisch mögliche Lösung passt automatisch zum Unternehmen. Datensicherheit und Cyber Security haben ebenfalls stark an Bedeutung gewonnen. Ein konkreter Cybervorfall im vergangenen Jahr hat uns sehr eindrücklich gezeigt, wie eng digitale Leistungsfähigkeit und betriebliche Widerstandsfähigkeit miteinander verbunden sind.
Sie haben einen Cybervorfall erwähnt. Was ist bei Keller Laser geschehen?
Im August 2025 wurde die Keller Laser AG Opfer eines Ransomware-Angriffs. Innerhalb kürzester Zeit wurde aus einem vermeintlichen IT-Thema eine unternehmensweite Ausnahmesituation. Ein solcher Angriff betrifft nicht nur Server und Computer. Er wirkt sich auf die Produktion, die Kommunikation, die Kundenbeziehungen, die Entscheidungsfähigkeit und auf die Menschen aus, die unter grossem Zeitdruck Verantwortung übernehmen müssen. Die Systeme wieder in Betrieb zu bringen, war dabei nur ein Teil der Arbeit.
Was hat Sie während und nach dem Angriff am meisten überrascht?
Vor allem, wie weit die Auswirkungen über die eigentliche IT hinausreichen und wie lange ein solcher Vorfall nachwirkt. Auch wenn zentrale Systeme wieder funktionieren, ist das Ereignis für das Unternehmen noch lange nicht abgeschlossen. In einer solchen Situation zeigt sich sehr schnell, ob Zuständigkeiten klar sind, externe Partner funktionieren, Entscheidungen getroffen werden können und die Kommunikation auch unter hohem Druck trägt.
Was hat sich bei Keller Laser seither verändert?
Wir betrachten Digitalisierung, Cyber Security und betriebliche Widerstandsfähigkeit heute noch konsequenter gemeinsam. Neben zahlreichen technischen Massnahmen haben wir auch Verantwortlichkeiten, Abläufe, Sensibilisierung und die Vorbereitung auf mögliche Notfälle weiterentwickelt. Wir sind aus dem Vorfall widerstandsfähiger hervorgegangen. Gleichzeitig wissen wir heute sehr genau, dass Cyber Security nie vollständig abgeschlossen ist.
Welchen Rat würden Sie anderen Bündner KMU geben, die sich mit Digitalisierung und KI noch schwertun oder nicht wissen, wo sie beginnen sollen?
Nicht mit einem Werkzeug beginnen, sondern mit einem konkreten Problem aus dem Arbeitsalltag. Ein kleiner, überschaubarer Anwendungsfall mit erkennbarem Nutzen ist häufig der beste Einstieg. Die Mitarbeitenden sollten früh einbezogen und die Ergebnisse ehrlich bewertet werden. Gleichzeitig müssen Datensicherheit, Berechtigungen, Backups und klare Verantwortlichkeiten von Beginn an mitgedacht werden. Es sollte weder auf die perfekte Strategie noch auf einen Ernstfall gewartet werden. Gerade unsere eigenen Erfahrungen haben gezeigt, wie wichtig es ist, solche Themen nicht nur theoretisch zu betrachten, sondern offen darüber zu sprechen und voneinander zu lernen.
Weshalb möchten Sie diese Erfahrung mit anderen KMU teilen?
Weil reale Erfahrungen rund um einen Cyber Vorfall häufig mehr auslösen als abstrakte Warnungen oder technische Empfehlungen. Unser Ziel ist nicht, Angst zu verbreiten oder vertrauliche Details offenzulegen. Wir möchten greifbar machen, was bei einem solchen Vorfall tatsächlich auf dem Spiel steht und worauf sich Unternehmen bereits im Vorfeld vorbereiten können. Es gibt aus dieser Zeit zahlreiche Erkenntnisse, über die öffentlich nur selten gesprochen wird. Gerade darin sehe ich einen grossen Mehrwert für andere Bündner KMU und genügend Stoff, um das Thema noch deutlich vertiefter aufzugreifen.

