Demografie, Migration und Wirtschaft – Graubünden im Spiegel der Zeit
18.05.2026
Vom Auswanderungskanton über den Kurtourismus zum Wirtschaftsboom in der Nachkriegszeit: Graubünden blickt auf bewegte Zeiten zurück. Ein stetiges Kommen und Gehen prägten die Gesellschaft und Wirtschaft der letzten beiden Jahrhunderte. Wie fest die Wirtschaftsentwicklung im Kanton mit der Demografie und Bevölkerungs- bewegung verknüpft ist, zeigt sich auch heute noch eindrücklich.
Graubünden, einst Auswanderungskanton, zählte nach der Gründung des Schweizerischen Bundesstaates gerade einmal einen Ausländeranteil von drei Prozent. Dies änderte sich noch in der Gründerzeit rapide. Als in Davos der bekannte Dr. Spengler die Liegekur etablierte, stieg der Anteil der ausländischen Wohnbevölkerung im Jahr 1880 auf über einen Drittel an. Bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs belief sich der Anteil Arbeitskräfte und Patientinnen und Patienten aus dem Ausland in den bekannten Bündner Luftkurorten auf teils über 50 Prozent. Auch der Bau von verschiedenen Bahnlinien befeuerte den Tourismus, die Beschäftigung und die dazugehörige Wirtschaftstätigkeit in den Bündner Kurorten zusätzlich. Der erste Weltkrieg brachte schliesslich Niederlassungsbeschränkungen und verstärkte Grenzkontrollen, wodurch sich der Ausländeranteil an der Bevölkerung in der Schweiz innert zehn Jahren beinahe halbierte.
Zuwanderungsdebatte
Erst mit dem Bau der Kraftwerksanlagen in der Cadi, im Oberhalbstein und im Valle di Lei in den 50er- und 60er-Jahren nahm die Zuwanderung in Graubünden wieder deutlich zu. In der Folge liessen der Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit und die steigende Mobilität die Ausländeranteile in den heutigen Wirtschaftszentren entlang der Verkehrswege wachsen. Nebst den Industriebetrieben im Bündner Rheintal und Misox war aber auch weiterhin der Tourismus für einen grossen Teil der kantonalen Beschäftigung und somit auch der Zuwanderung verantwortlich. Politisch setzte sich folglich das Schweizer Stimmvolk im Rahmen der Schwarzenbach-Initiative erstmals mit der Überfremdungsthematik auseinander. Die Zuwanderungsdebatte ist seither fester Bestandteil des politischen Diskurses.
Bereits kurz nach der Jahrtausendwende veränderte sich die Demografie im Kanton Graubünden so, dass die Bevölkerung nicht mehr durch einen Geburtenüberschuss wuchs. Fortan war die Zuwanderung einziger Treiber des Bevölkerungswachstums. Mit Anbruch des laufenden Jahrzehnts setzte sich dann sogar ein zunehmender Todesfallüberschuss durch. Die Bündner Bevölkerung entwickelt sich seither, abgesehen von der Zuwanderung, rückläufig. Umso beachtlicher ist es, wie es der Bündner Wirtschaft in den letzten zehn Jahren gelungen ist, bei einem Bevölkerungswachstum von 4,8 Prozent ein Beschäftigungswachstum von 10,8 Prozent zu erzielen. Einerseits ist die Arbeitsmarktpartizipation in Graubünden eine der höchsten in der Schweiz, andererseits kann der Grenzkanton Graubünden auch auf Arbeitskräfte über die Landesgrenzen hinaus zurückgreifen. Das Grenzgängertum trug von 2013 – 2023 zu über einem Drittel an das Beschäftigungswachstum bei. Allen voran bilden die Grenzgänger/innen in den Regionen Bernina (38 %), Maloja (26 %) und Engiadina Bassa / Val Müstair (22 %) einen gewichtigen Bestandteil der Beschäftigung.
Altersquotient
Auf den Bündner Arbeitsmarkt kommen künftig verschiedene Herausforderungen zu. Einerseits hat die Zahl der Grenzgänger/innen in Graubünden Ende 2025 leicht abgenommen. Andererseits geht das mittlere Bevölkerungsszenario für Graubünden bis ins Jahr 2055 von einer markant steigenden Alterung aus. In diesem Zeitraum nimmt, gemäss den Prognosen des Bundesamts für Statistik, der Altersquotient von heute 41 Prozent auf knapp 60 Prozent zu und dies notabene unter der Annahme einer beständigen Nettozuwanderung von rund 1300 Personen jährlich. Auf den Arbeitsmarkt bezogen bedeutet dies, es werden in den nächsten zwanzig Jahren knapp 50 000 Erwerbstätige pensioniert und lediglich rund 30 000 Personen treten aus der ständigen Wohn- in die Erwerbsbevölkerung ein.

