«Der Verkehr hat in praktisch allen Bereichen stark zugenommen»
23.05.2026
Die Geschichte der Bündner Strassen ist eng mit der Entwicklung des Kantons verbunden. Heute stehen Nachhaltigkeit, Naturgefahren und neue Mobilitätsformen im Zentrum – und damit die Frage, wie sich die Verkehrswege in einer anspruchsvollen Berglandschaft weiterentwickeln werden. Der Bündner Tiefbauamts-Chef Reto Knuchel spricht über seine Herausforderungen und erklärt, in welche Richtung sich die Verkehrsinfrastruktur bewegen muss.
Reto Knuchel, Sie sind seit bald 30 Jahren beim Tiefbauamt beschäftig, wie hat sich der Strassenverkehr in Graubünden in dieser Zeit verändert?
Der Verkehr hat in praktisch allen Bereichen stark zugenommen. Das merkt man nicht nur an den Zahlen, sondern auch im Alltag. Früher gab es gewisse Spitzenzeiten an Ferienwochenenden – heute haben wir vielerorts beinahe dauerhaft hohe Belastungen, insbesondere auf den Hauptachsen und in touristischen Regionen. Gleichzeitig hat sich auch die Zusammensetzung des Verkehrs verändert: mehr Freizeitverkehr, mehr Lieferverkehr, mehr Pendlerverkehr. Dazu kommt, dass die Ansprüche der Verkehrsteilnehmenden und der Einwohnerinnen und Einwohner gestiegen sind. Man erwartet heute zu Recht sichere, zuverlässige und im Sommer und Winter jederzeit verfügbare Strassen – auch in einem Gebirgskanton mit anspruchsvoller Topografie und Naturgefahren.
Wie hat sich die Verkehrsinfrastruktur und das Bauen seit damals verändert?
Das Bauen ist heute deutlich komplexer geworden. Früher stand vor allem die reine Funktion im Vordergrund: Eine Strasse musste gebaut werden und möglichst lange halten. Heute müssen wir viel mehr Aspekte gleichzeitig berücksichtigen – Umwelt, Lärm, Naturgefahren, Nachhaltigkeit, Verkehrssicherheit, Ortsbildschutz und auch die Bedürfnisse des Langsamverkehrs. Das macht die heutigen Projekte oft anspruchsvoller als früher. Und nicht zuletzt: Die Bevölkerung wird stärker einbezogen. Infrastrukturprojekte entstehen heute nicht mehr nur am Reissbrett, sondern im Dialog mit Gemeinden, Bevölkerung und Interessenvertretern.
Was beschäftigt sie momentan am meisten als Chef des kantonalen Strassennetzes in Graubünden?
Da gibt es einige Themen! Beispielsweise die Dekarbonisierung der Fahrzeugflotte der kantonalen Verwaltung. Eine weitere Herausforderung ist die Kreislaufwirtschaft: Wir müssen künftig Recyclingmaterialien noch stärker als hochwertige Baustoffe einsetzen, insbesondere bei Neubauten, do dass weniger oder sogar kein Abfall mehr entsteht. Ausserdem stellen wir fest, dass die Bedürfnisse im Langsamverkehr stark zugenommen haben. Und gute Alltagsverbindungen für den Veloverkehr liegen auch in unserem Interesse, weil sie zur Entlastung der Kantonsstrassen beitragen können. Gleichzeitig spüren wir – wie viele andere Branchen – zunehmend den Arbeitskräftemangel. Zwar je nach Region unterschiedlich stark, aber durch alle Funktionen hindurch.
Wie setzt das Tiefbauamt Prioritäten in Bezug auf ein generationengerechtes und nachhaltiges Strassennetz?
Für uns bedeutet Nachhaltigkeit vor allem, Verantwortung gegenüber kommenden Generationen wahrzunehmen. Oberste Priorität hat deshalb der zuverlässige Betrieb des bestehenden Netzes. Danach folgt der bauliche Unterhalt – denn wer diesen vernachlässigt, hinterlässt künftigen Generationen höhere Kosten und eine schlechtere Infrastruktur. In dritter Priorität geht es um den Ausbau des bestehenden Netzes auf heutige Standards. Erst danach wenden wir uns grösseren Ausbauprojekten oder Umfahrungen zu.
Wie steht es um die künftige Finanzierung der Strasseninfrastruktur?
Die Strassenfinanzierung stützt sich heute stark auf Beiträge des Bundes, insbesondere aus Mineralölsteueranteilen, LSVA-Beiträgen und weiteren zweckgebundenen Mitteln. Mit der Dekarbonisierung der Fahrzeuge werden die Einnahmen aus der Mineralölsteuer jedoch langfristig zurückgehen. Deshalb wird es wichtig sein, neue Finanzierungsmodelle zu finden. Der Bund prüft bereits mögliche Ausgleichsmechanismen, etwa im Zusammenhang mit Elektrofahrzeugen.
Kreislaufwirtschaft und Dekarbonisierung haben in der Baubranche an Bedeutung zugenommen. Wie weit ist man hier betreffend Mischabbruch und CO2-Einlagerung beim verbauten Beton in der Strasseninfrastruktur?
Für bewehrte Bauteile verwenden wir weiterhin Primärbeton gemäss gültigen Normen. Für unbewehrte Bauteile ohne Frost- oder Tausalz-Exposition kann heute aber bereits Beton eingesetzt werden, der bis zu 40% Recyclingmaterial aus Mischabbruch enthält.
Wie kann die Verkehrsinfrastruktur widerstandsfähiger gegenüber Extremwetter und Naturereignissen werden?
Die Verkehrsinfrastruktur in Graubünden ist bereits heute sehr widerstandsfähig. Grundsätzlich sind robuste und möglichst einfache Strukturen und eine konsequente Wartung sehr wichtig, sowie eine vorausschauende Planung. In Bezug auf Hochwasser berücksichtigen wir bei neuen Projekten beispielsweise grössere Niederschlagsereignisse als früher, um den Auswirkungen des Klimawandels Rechnung zu tragen. Ergänzend investieren wir gezielt in Schutzbauten – dort, wo mit den eingesetzten Mitteln die grösste Wirkung erzielt werden kann.
Verschiedene Herausforderungen mit Verkehrsüberlastungen betreffen das Nationalstrassennetz. Was sehen sie für Lösungsvorschläge?
Es braucht eine Kombination verschiedener Massnahmen. Kurzfristig helfen intelligente Verkehrsmanagementsysteme, den Verkehr besser zu lenken und Spitzen zeitlich abzuflachen. Gleichzeitig müssen attraktive Alternativen wie öffentlicher Verkehr und Langsamverkehr weiter gestärkt werden. Langfristig wird man auch gesamtschweizerische Lenkungssysteme oder Modelle wie Mobility Pricing prüfen müssen. Gerade in Graubünden sind flexible Lösungen wichtig, da viele Verkehrsbelastungen saisonal und mit unterschiedlichen Ausprägungen auftreten.

