Digitalisierung in Graubünden: Einiges erreicht und noch viel zu tun

Die Digitalisierung beschäftigt die Bündner Unternehmen seit Jahrzehnten, Künstliche Intelligenz seit einigen Jahren. Doch wie gut meisterte die Bündner Wirtschaft den digitalen Wandel bisher? Wo besteht Nachholbedarf – und welche Chancen eröffnen KI und neue digitale Geschäftsmodelle? Die beiden Bündner Digitalisierungsexperten Jan Koch und Jon Erni blicken im Interview mit dem «Bündner Gewerbe» auf die Entwicklung der vergangenen 20 Jahre zurück und zeigen auf, wo die grössten Herausforderungen liegen.

Was veränderte sich in den letzten 20 Jahren im Bereich der Digitalisierung in der Bündner Wirtschaft am meisten?
Jan Koch: Was man am meisten merkt, und heute auch sieht in den Betrieben, sind vor allem die Prozessautomatisierungen. Also die erste Stufe der Digitalisierung, zum Beispiel die klassische Lagerbewirtschaftung: weg vom Handzettel hin zu einem digitalen System mit QR-Code, 3D-Barcodes und so weiter. Damit startete die Digitalisierung in den Betrieben damals. Das Ziel war, wegzukommen von der klassischen Zettelwirtschaft zu datenhaltenden Systemen ohne grosse Medienbrüche. Das ist meiner Meinung nach der grösste Schub gegenüber von vor 20 Jahren.

Jon Erni: Ich betrachte die Entwicklung noch aus einer etwas anderen Optik. Für mich ist der Einzug der sozialen Medien wahrscheinlich eine der gravierendsten Veränderungen, welche die Wirtschaft erfuhr. Das veränderte die ganze Kommunikation völlig, vor allem auch die Geschwindigkeit, in der man kommuniziert. Das führt in den Unternehmen zu Fragen und der Herausforderung, wie sie in Zukunft kommunizieren müssen. Was noch dazukommt, ist das Wegfallen von Grenzen. Das zeit- und ortsunabhängige Arbeiten trug massiv dazu bei. Das löste auch bei uns in der Gesetzgebung bisher unbekannte Herausforderungen aus; zum Beispiel wenn amerikanische Unternehmen anfangen, Taxibetriebe in einer Stadt einzuführen. Diese Auflösung von Grenzen und die Globalisierung wurden sicher in den letzten 20 Jahren massiv vorangetrieben.

Jan Koch: Ich möchte noch ergänzen, dass sich die Erwartungshaltung massiv verschob. Vor 20 Jahren hatte man als Kunde eine ganz andere Erwartungshaltung was die Kommunikation und Geschwindigkeit anbelangt, gegenüber heute. Die Kundensicht auf einen Betrieb veränderte sich massiv. Als Kunde erwarte ich heute eine schnelle Antwort oder eine schnelle Offerte.

Ist diese Tempoverschärfung die grösste Veränderung bei der Digitalisierung in den letzten Jahren?
Jon Erni: Da kann ich nur zustimmen. Die ganze Geschwindigkeit im Geschäftsleben nahm massiv zu.

Jan Koch: Ich glaube zudem auch, dass viele Betriebe lernten, mit ihren Daten zu arbeiten. Mittlerweile sind wir an einem Punkt, wo sie damit umgehen können; nicht alle in der gleichen Tiefe und gleich gut, aber ich glaube, die meisten erkannten, dass das für sie wirklich ein wichtiges Asset ist.

Gilt das für alle Betriebe? Also kann auch ein kleiner Betrieb, zum Beispiel eine Schreinerei mit fünf Angestellten, mit Daten so umgehen wie ein grösserer Betrieb?
Jan Koch: Wenn er es richtig macht, glaube ich schon. Der kleine Schreinerbetrieb hat noch einmal ganz andere Herausforderungen. Für den ist zum Beispiel eine Planung, was offeriere ich wann und zu welchem Preis, und was macht der Markt in dem Zeitpunkt wichtig. Wenn er diese Daten nutzt und sich an eine Nische suchen kann, glaube ich, kann er seine Ertragslage relativ gut hochhalten. Auch ein kleiner Betrieb kann seine Daten nutzen und sehr gut Profit daraus schlagen.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Jon Erni: Für mich zentral, und das ist auch ein wesentlicher Teil von dem, was ich unter Digitalisierung verstehe, sind datenzentrische Geschäftsmodelle. Viele können Daten sammeln und irgendwo speichern, aber das geschieht oft in Silos. Und wenn die Daten in Silos sind, dann ist es sehr schwierig, diese zu verbinden. Mit KI gibt es jetzt zwar Assistenten, die helfen. Grundsätzlich gilt aber: Damit ein Betrieb wirklich bereit ist für die digitale Transformation und von allen Möglichkeiten Gebrauch machen kann, muss er ein datenzentrisches Geschäftsmodell haben.

Wie gehen die Unternehmen im Kanton mit der Digitalisierung um? Nutzen sie die Chancen und sind sie für die Risiken gewappnet?
Jon Erni: Ich denke, die Bündner KMUs sind recht pragmatisch unterwegs. Auf der operativen Ebene wird ziemlich viel gemacht. Aber, das sah ich jetzt auch in den Ergebnissen der Umfrage: Es ist sehr stark verbunden mit Prozessoptimierung, Kosten sparen, effizienter werden. Das ist bei allen auf dem Radar. Aber dann gibt es auch in der internen Zusammenarbeit Dinge, wo die digitale Transformation – vor allem wenn datenzentrische Modelle genutzt werden – ganz neue Möglichkeiten eröffnen kann. Das heisst, dass man mit der Zeit- und Ortsunabhängigkeit Grenzen verschwinden lassen kann. Das eröffnet neue Märkte, die früher nicht adressiert werden konnten. Es schafft die Möglichkeit, Leute aus anderen Regionen einzubinden, was beim Thema Fachkräftemangel neue Perspektiven eröffnet. Ich glaube, da gibt es noch recht viel Potenzial, das nicht adressiert ist. Die Verantwortlichen in den Unternehmen sollten noch viel mehr Out of the Box denken.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Jon Erni: Ich betreute einmal einen Liftbauer. Die stellten Lifte her und verkauften diese als Investitionsgüter in Gebäude. Dann begannen sie sich zu sagen: Eigentlich könnten wir das auch als Dienstleistung anbieten. Wir verkaufen den Lift nicht mehr, sondern stellen ihn ins Gebäude und rechnen die Nutzung ab. Jetzt könnten wir das noch weiterdenken – in die Lifte in den riesigen Megastädten mit ihren Hochhäusern. Was machen die Leute in diesen Liften? Sie schauen überall hin, aber einander nicht in die Augen. Wieso nicht ein Geschäftsmodell mit Werbung machen, so dass man diese Lifte auch nicht mehr als Dienstleistung verrechnet, sondern nur noch die Werbeflächen verkauft respektive vermietet. Das ist ziemlich disruptiv, aber es zeigt, wie ein Liftbauer plötzlich zu einer Plattform werden könnte, wo Werbung verkauft wird. Solche Modelle kann man sich theoretisch in allen Geschäftsbereichen vorstellen.

Wie sehen Sie, Herr Koch, die Bündner Betriebe? Ähnlich wie Jon Erni?
Jan Koch: Was Jon Erni sagte, trifft den Nagel auf den Kopf. Die unternehmerische Aufgabe, wie die ständige Prozessoptimierung, wird gemacht. Was wir immer wieder feststellen ist, dass das Disruptive und die ganzen KI-Themen erst auf einem tiefen Niveau umgesetzt werden. ChatGPT nutzen, um die Geschäftskorrespondenz zu optimieren, das funktioniert. Nachher aber noch das Mindset öffnen, um jetzt wirklich Künstliche Intelligenz gewinnbringend einzusetzen, da wird die Luft dann sehr dünn. Da müssen wir schon realistisch sein, dass in Graubünden in diesem Bereich noch Nachholbedarf besteht.

Ist das nur in Graubünden so oder gilt das allgemein, dass es eine gewisse Zeit braucht, bis der Einsatz von KI und KI-Agenten sich auch auf einem höheren Level durchsetzt?
Jan Koch: Ich glaube, das ist unserer Wirtschaftsstruktur geschuldet. Im Tourismusbereich ist man es sich gewohnt mit Chatbots zu kommunizieren. Da ist der Hype schon fast ein bisschen vorüber. Ein Chatbot, der dir auf deine Hotel-Buchung eine Antwort gibt und für dich etwas organisiert, ist heute schon fast normal. Die Wirtschaft in Graubünden ist schon sehr klein segmentiert. In einem Fünf-Mann-Schreiner-Geschäft jemanden zu haben, der sich neben dem Tagesgeschäft vertieft mit KI auseinandersetzt, damit er diesen Wandel hinbekommt, bedeutet eine grosse Herausforderung.

Jon Erni: Diese Aussage würde ich unterschreiben. Wenn wir schauen, welche Branchen in der Digitalisierung stark fortgeschritten sind, sind es die wertschöpfungsstarken Branchen. Da sind die Banken, die extrem weit fortgeschritten sind, da ist die IT-Branche selber, die auch eine grosse Transformation durchmachte sowie die Telekommunikationsbranche. Die haben aber eine andere Ausgangslage. Die erschaffen sich die Mittel, damit sie Leute gezielt für diese Themen einsetzen können. Graubünden hat in der Summe eher wertschöpfungsschwache Branchen, sei es der Tourismus oder der Bau. Der Energiesektor könnte wertschöpfungsstark sein in Graubünden, aber in der Regel sind wir eher in wertschöpfungsschwachen Branchen tätig. Da müssen wir schauen, wie wir diese Firmen befähigen, um auch von der Digitalisierung zu profitieren. Das ist aus meiner Sicht auch eine spannende Geschichte, die wir jetzt mit GRdigital aufgleisen; denn sonst geraten diese Unternehmen ins Hintertreffen und werden abgehängt.

Bevor wir zu GRdigital sprechen, soll noch angesprochen werden, wie man seine Mitarbeitenden befähigt, KI zu nutzen.
Jan Koch: Ich glaube, es nützt nichts, wenn wir nur die Theorie vermitteln mit einer Ausbildungsoffensive. Es gibt Leute, die müssen das können und die Theorie von Grund auf lernen, und für diese gibt es in der Schweiz bereits Ausbildungsmodule und -möglichkeiten. Eine Ausbildungsoffensive bringt uns da vermutlich nichts. Wir müssen unseren Mitarbeitenden anstatt Theorie zu liefern, zeigen, wie sie Zeit einsparen können. Das gelingt besser mit kurzen Schulungen, wo man auf konkrete Anwendungsfälle eingeht und die Möglichkeiten der KI aufzeigt.

Kommen wir noch zu den politischen Rahmenbedingungen. Der Bündner Grosse Rat wollte vor sieben Jahren die Rahmenbedingungen mit der Initiative GRdigital verbessern. Herr Koch, was waren damals Ihre Beweggründe für diese Initiative?
Jan Koch: Das waren zwei unabhängige Aufträge. Einer wurde von der SP eingereicht, einer von mir. Beide forderten eine grundsätzliche Digitalisierungsoffensive in Graubünden. Der Grosse Rat packte dann die beiden Aufträge zusammen und stellte für die Offensive 40 Millionen Franken bereit. Die Idee war, die Digitalisierung anzuschieben und Risikokapital zur Verfügung zu stellen. Im Gesetzgebungsprozess wurde es meiner Meinung nach verpasst, ein paar Hürden einzubauen.

Sie wollten auch eine einzelbetriebliche Förderung im Gesetz verankert haben. Warum wollten Sie, dass der Staat Risikokapital breit streuen kann?
Jan Koch: Wenn wir schauen, welche Themen wir jetzt diskutierten, bin ich der Meinung, dass wenn wir einen Leuchtturm haben, der für Strahlkraft sorgt, dieser auch für andere Betriebe Innovationen auslösen kann. Ich kann ja mit der einzelbetrieblichen Förderung die Betriebe zu einer Gegenleistung verpflichten. Beispielsweise damit, Mitarbeitende als Dozentinnen und Dozenten in den Bildungsinstituten zur Verfügung zu stellen. Man sagte damals auch immer klar, es müsse ein schlanker und schneller Prozess sein, damit das Geld auch schnell verteilt werden kann. Letztlich glaube ich, dass der Prozess zu kompliziert wurde.

Das Gesetz ist bis 2030 befristet, 20 Prozent der 40 Millionen Franken können noch verteilt werden in den kommenden gut drei Jahren. Was sollte mit diesem Geld noch gefördert werden?
Jan Koch: Ich denke, GRdigital kann gar nicht viel machen. Es war der Gesetzgeber, der es verpasste, die notwendigen Rahmenbedingungen zu setzen. Was ich mir jetzt wünsche für die restlichen 20 Prozent, ist wirklich, dass die Bündner Wirtschaft davon profitieren kann.

GRdigital soll nicht nur Gelder verteilen, sondern auch eine Anlaufstelle für Fragen in Sachen Digitalisierung sein. Ist da für die letzten Jahre noch etwas geplant, Herr Erni?
Jon Erni: Ich war mitbeteiligt, GRdigital konzeptionell aufzugleisen. Wir sahen damals schon, dass wir verschiedene Instrumente bereitstellen müssen. Ein Instrument, das bisher nicht zur Anwendung kam, ist die aktive Lancierung von Themen, anstatt zu warten, bis Ideen an uns herangetragen werden zur Mitfinanzierung. Deshalb unterteilten wir auch den Leistungsauftrag in zwei Phasen: die erste Phase, um zu schauen, was funktioniert und was nicht, und dann die zweite Phase, wo man – natürlich etwas eingeschränkt – die Abläufe korrigieren kann. Wenn ich auf die letzten Jahre zurückblicke, dann zeichnete sich ein Muster ab, das zu erwarten war. Es gibt grössere Betriebe, welche die nötigen Ressourcen haben und welche es gewohnt sind, Anträge zu stellen und das auch sehr professionell machen. KMUs sind in der Regel nicht gleich aufgestellt. Diese Hürde ist für die KMUs gross und führte dazu, dass jene, die dies gewohnt sind, sehr schnell waren mit ihren Anträgen. Dazu kommt, dass das Modell vorsieht, dass für die Hälfte der Finanzierung Eigenmittel benötigt werden. Es ist klar, dass es für ein grosses Unternehmen viel einfacher ist, irgendwo einige Hunderttausend oder Millionenbeträge an Eigenleistungen auszuweisen. Darauf wollen wir jetzt mit Projektausschreibungen reagieren. Wir schreiben Projekte aus und fragen, wer bereit ist, bei einem solchen Projekt mitzuwirken. Wir hoffen, dass das die Hürde für KMUs senkt, sich an einem solchen Projekt zu beteiligen. Damit erhoffen wir uns zudem einen stärkeren Effekt für die Bündner Wirtschaft.

 

Jan Koch...

... verbindet zwei Welten, die man selten zusammen antrifft: Er absolvierte eine Lehre als Informatiker, studierte Wirtschaftsinformatik und war lange Jahre Miteigentümer einer IT-Firma bevor er in die Geschäftsleitung der Luzi Gerüste AG wechselte. Diesen technisch-unternehmerischen Hintergrund bringt er auch in die Politik ein: Als Grossrat im Kanton Graubünden setzt er sich stark für digitale Themen ein. Daneben ist er BGV-Vizepräsident, Präsident der ibW Höhere Fachschule Südostschweiz sowie Präsident der Verwaltungskommission der Gebäudeversicherung Graubünden.


Jon Erni...

... ist Elektroingenieur ETH und verfügt über langjährige Führungserfahrung in der Telekommunikations- und IT-Branche, unter anderem bei Alcatel-Lucent, Sunrise und Microsoft Schweiz. Mit miaEngiadina engagiert er sich seit Jahren dafür, die Digitalisierung als Chance für den ländlichen Raum zu nutzen. Er ist Präsident des Vereins GRdigital.


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