«Globale Entwicklungen werden in Davos direkt vor Ort sichtbar und greifbar»
13.08.2026
Davos entwickelt sich zunehmend zu einem Standort für Künstliche Intelligenz und neue Technologien. Mittendrin arbeitet Hansueli Jud, der nach seinem Studium an der ETH Zürich bewusst in seine Heimat zurückgekehrt ist. Im Interview erklärt er, welche Rolle Lab42, Mindfire und AlpineAI beim Aufbau des Davoser KI-Ökosystems spielen, weshalb die internationale Ausstrahlung des Ortes ein wichtiger Standortvorteil ist und welche Chancen er für Davos als Forschungs- und Innovationsstandort sieht.
Sie haben an der ETH Zürich studiert und arbeiten heute wieder in Ihrer Heimat Davos. Weshalb haben Sie sich bewusst für die Rückkehr entschieden?
Für mich war immer klar, dass ich gerne in den Bergen lebe und arbeite. Die Natur, das Vereinsleben und die Möglichkeit, draussen Sportarten auszuüben, die mir liegen, bedeuten mir viel. Mit der Eröffnung von Lab42 ergab sich dann die Möglichkeit, hier auch fachlich eine spannende Stelle zu finden. Ohne Lab42 wäre ich wahrscheinlich nicht so direkt nach Davos zurückgekehrt, weil es solche Kombinationen aus attraktivem Lebensraum und interessanten Technologie-Jobs nicht sehr oft gibt.
Als Sie Ihr Studium abgeschlossen haben, war Davos noch kaum als KI-Standort bekannt. Was hat sich seither aus Ihrer Sicht am stärksten verändert?
Der Stellenwert von KI hat sich allgemein stark verändert. Spätestens mit ChatGPT wurde eine Form von KI für sehr viele Menschen direkt erlebbar. Gleichzeitig wurde sichtbar, dass KI plötzlich Aufgaben lösen kann, die vorher kaum praktikabel waren. Das gilt vor allem für den Umgang mit Sprache, aber auch für Bilder, Videos oder die Analyse grosser Datenmengen. Dadurch ist viel mehr Aufmerksamkeit und Kapital in diesen Bereich geflossen, was die Entwicklung zusätzlich beschleunigt hat. Auch in Davos hat diese Entwicklung das Thema stärker sichtbar gemacht, etwa am WEF, wo KI in den letzten Jahren immer mehr Raum eingenommen hat. Lab42 und Mindfire waren in Davos bereits vor dem Durchbruch von ChatGPT in diesem Bereich aktiv. Mit AlpineAI als Ausgründung bieten wir heute Chatbots und LLM-basierte KI-Lösungen an und zeigen damit in der Praxis, wo solche Systeme bereits echten Nutzen bringen können. Gleichzeitig hat Lab42 mit der ARC Challenge einen Beitrag zu einem international beachteten Benchmark geleistet, mit dem gemessen wird, wie gut KI-Systeme mit neuen, abstrakten Aufgaben umgehen können und wo heutige Modelle noch klare Grenzen haben.
Welche Rolle spielen Lab42 und die Mindfire Stiftung beim Aufbau des KI-Ökosystems in Davos?
Lab42 und Mindfire helfen, Davos stärker als Standort für KI und Innovation sichtbar zu machen. Wichtig ist dabei nicht nur die internationale Aufmerksamkeit, sondern auch der Wissenstransfer in die Region: Wie kann KI konkret genutzt werden, welche Anwendungen funktionieren bereits, und wo braucht es noch Entwicklung? Das geschieht durch eigene Projekte, Wettbewerbe, Ausgründungen wie AlpineAI und durch den Austausch mit anderen Institutionen. Auch bei Formaten wie dem ETH Studio können wir uns einbringen, indem wir Projektideen beisteuern und Studierende betreuen, die für solche Projekte nach Davos kommen. So entstehen konkrete Berührungspunkte zwischen Forschung, jungen Talenten und lokalen Institutionen.
Davos ist weltweit vor allem als Tourismusdestination und WEF-Standort bekannt. Welche Vorteile bietet dieser internationale Bekanntheitsgrad für Ihre tägliche Arbeit?
Der Name Davos hilft dabei, Aufmerksamkeit zu schaffen und Menschen zusammenzubringen, mit denen man sonst in einem Bergort kaum direkt in Kontakt käme. Mit dem Global Swiss AI Award konnten wir zum Beispiel Persönlichkeiten wie Demis Hassabis, den CEO von Google DeepMind, oder Yann LeCun, langjähriger Chief AI Scientist bei Meta und heute Gründer eines eigenen KI-Unternehmens, nach Davos bringen. Solche Begegnungen helfen, Netzwerke aufzubauen und Ideen international einzuordnen. Natürlich kann die internationale Sichtbarkeit auch bei Partnerschaften oder der Finanzierung von Projekten hilfreich sein.
Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit Hochschulen wie der ETH Zürich oder der Fachhochschule Graubünden für die Entwicklung neuer KI-Anwendungen?
Die Zusammenarbeit mit Hochschulen ist sehr wichtig, weil sich der KI-Bereich extrem schnell bewegt. Hochschulen probieren neue Ansätze aus und bilden Talente aus, die für uns sehr wertvoll sind. Gerade bei AlpineAI merken wir, dass Praktikant:innen und junge Forschende oft sehr schnell einen echten Beitrag leisten können. Gleichzeitig erhalten wir dadurch wichtige Inputs, wie sich unsere Systeme weiterentwickeln lassen. Umgekehrt können wir darauf aufmerksam machen, wo in realen Anwendungen noch Probleme bestehen.
Das ETH AI Center und das AI House sind heute regelmässig in Davos präsent. Welche Chancen ergeben sich daraus für Unternehmen wie Lab42 und für den gesamten Standort?
Die Präsenz des ETH AI Center und des AI House bringt Know-how, Netzwerk und konkrete Ansprechpersonen näher nach Davos. Das hilft zum Beispiel beim Aufbau von Veranstaltungen wie dem Davos Tech Summit, aber auch beim Wissenstransfer zwischen Forschung, Unternehmen und lokalen Institutionen. Für den Standort bedeutet das: Neue Ideen können schneller aufgegriffen, getestet und in konkrete Projekte übersetzt werden.
Welche Bedeutung haben Veranstaltungen wie das World Economic Forum oder der Davos Tech Summit für die internationale Vernetzung der Davoser KI-Szene?
Solche Veranstaltungen helfen nicht nur bei der internationalen Vernetzung, sondern auch bei der Orientierung: Welche KI-Anwendungen setzen sich wirklich durch, welche Chancen entstehen für Unternehmen, und wo gibt es noch Hürden? Gerade für einen Standort wie Davos ist das wertvoll, weil globale Entwicklungen direkt vor Ort sichtbar und greifbar werden. Daraus können Kontakte, Projekte und Impulse entstehen, die auch über die eigentliche Veranstaltung hinaus wirken.
Was macht den Forschungs- und Innovationsstandort Davos aus Ihrer Sicht einzigartig im Vergleich zu anderen KI-Hubs in der Schweiz oder im Ausland?
Für mich ist es vor allem die besondere Verbindung von hoher Lebensqualität, kurzen Wegen und internationalem Zugang. Man arbeitet an einem Ort, an dem andere Ferien machen, und hat die Berge direkt vor der Tür. Gleichzeitig ist Davos überschaubar genug, dass man schnell mit anderen Institutionen und Personen in Kontakt kommt. Und trotzdem ist man mit Zürich und der ETH nicht weit weg von einem international führenden Forschungsstandort.
Welche Entwicklungen erwarten Sie in den kommenden fünf bis zehn Jahren? Wo kann Davos im Bereich der Künstlichen Intelligenz eine führende Rolle übernehmen?
Ich erwarte, dass KI-Systeme, Agenten und Roboter immer mehr Aufgaben in der digitalen und später auch in der physischen Welt unterstützen oder übernehmen werden. Gleichzeitig sehe ich eine wachsende Lücke zwischen den grossen KI-Zentren wie dem Silicon Valley und vielen anderen Standorten: Die Technologie entwickelt sich extrem schnell, während es in Unternehmen, Institutionen und Verwaltungen oft deutlich länger dauert, bestehende Prozesse wirklich zu verändern. Hier sehe ich eine wichtige Rolle für Davos und AlpineAI: KI nicht nur zu beobachten, sondern die konkrete Anwendung in der Schweiz zu beschleunigen. Bei AlpineAI sehen wir direkt, wo solche Systeme im Alltag helfen können, aber auch, wo es noch Schwierigkeiten gibt. Am Lab42 setzen wir uns zudem auch mit Robotik auseinander. Das ist wichtig, weil solche Systeme heute zwar noch klare Grenzen haben, sich aber schnell weiterentwickeln. Wenn Roboter in Zukunft sinnvoll in Unternehmen oder Institutionen eingesetzt werden können, möchten wir dieses Wissen bereits aufgebaut haben und schneller reagieren können. Ein Beispiel dafür war der Davos Tech Summit, bei dem Roboter in ganz Davos unterwegs waren und auch für Nicht-Spezialist:innen sichtbar machten, was heute schon möglich ist und wo die Grenzen noch liegen.
Wenn Sie junge Ingenieurinnen, Informatiker oder Gründerinnen für Davos begeistern müssten: Weshalb lohnt es sich, gerade hier an den Technologien der Zukunft zu arbeiten?
Davos bietet die Möglichkeit, an Zukunftstechnologien zu arbeiten und gleichzeitig eine sehr hohe Lebensqualität zu haben. Das Umfeld hilft, Ideen zu entwickeln, die nicht einfach dem Standard entsprechen. Gleichzeitig entstehen hier zunehmend Infrastruktur, Netzwerke und konkrete Projekte im Bereich KI. Wer etwas aufbauen will, findet kurze Wege, spannende Anwendungsfelder und einen Ort, der auch persönlich viel bietet.

