Graubündens Strassen: Geschichte in Bewegung
14.06.2026
Wenn am Julier nachts die Fräsen laufen oder am San Bernardino tonnenschwere Schutznetze montiert werden, zeigt sich, wie anspruchsvoll Strassenbau in Graubünden ist. Zwischen Felsen, Frost und Verkehrsdruck kämpft der Alpenkanton heute mit neuen Herausforderungen. Gleichzeitig bilden die Bündner Strassen das Rückgrat für Tourismus, Gewerbe und das Leben in den Tälern.
Graubündens Strassen sind weit mehr als Verkehrswege. Sie erzählen von Säumern und Postkutschen, von kühnen Ingenieuren und vom respektvollen Zusammenspiel mit der Natur. Bis heute prägen die historischen Verkehrsachsen den Alpenkanton. Wer über den Julier, den Flüela oder den San Bernardino fährt, denkt selten daran, wie beschwerlich Reisen in Graubünden einst waren. Lange vor Asphalt, Tunnels und Lawinengalerien führten nur schmale Saumpfade über die Alpen. Händler, Säumer und Reisende transportierten Waren auf Pferden und Maultieren durch enge Schluchten und über gefährliche Übergänge. Die Wege waren steinig, oft kaum gesichert und im Winter monatelang unpassierbar. Trotzdem bildeten sie über Jahrhunderte die Lebensadern Graubündens.
Verkürzte Reisezeiten
Besonders bedeutend waren die Alpenpässe. Über Septimer, Splügen oder San Bernardino verliefen wichtige Handelsrouten zwischen Nord und Süd. Salz, Wein, Reis oder Stoffe gelangten so über die Alpen. Für viele Täler bedeutete der Verkehr Wohlstand. Gasthäuser entstanden, Säumer verdienten ihren Lebensunterhalt und ganze Dörfer profitierten vom Transitverkehr. Mit Beginn des 19. Jahrhunderts begann in Graubünden eine neue Zeit des Strassenbaus. Die alten Saumwege genügten den wachsenden Anforderungen nicht mehr. Der junge Kanton investierte deshalb massiv in moderne Kunststrassen. Eine zentrale Figur dieser Entwicklung war Ingenieur Richard La Nicca. Unter seiner Leitung entstanden ab 1818 die grossen Passstrassen über Splügen und San Bernardino. Wenig später folgten Julier, Maloja, Albula und Flüela.
Diese Strassenbauprojekte galten damals als technische Meisterleistungen. Arbeiter sprengten sich durch Felswände, errichteten Stützmauern und bauten spektakuläre Brücken in schwierigstem Gelände. Viele Abschnitte entstanden in mühsamer Handarbeit. Lawinen, Hochwasser und Steinschläge erschwerten die Arbeiten zusätzlich. Dennoch veränderten die neuen Verkehrswege Graubünden nachhaltig. Plötzlich waren abgelegene Täler besser erreichbar, die Reisezeiten verkürzten sich, und der Tourismus begann sich zu entwickeln. Mit den neuen Strassen kamen auch die berühmten Postkutschen. Besonders die Fahrten über den San Bernardino oder den Julier wurden zum Erlebnis. Reisende aus ganz Europa bestaunten die wilde Bündner Bergwelt. Hotels entstanden in St. Moritz, Davos und Arosa und legten den Grundstein für den internationalen Tourismus.
Im 20. Jahrhundert veränderte das Automobil den Kanton erneut grundlegend. Die Zahl der Fahrzeuge nahm rasch zu, und viele Dörfer wurden vom Verkehr überrollt. Enge Ortsdurchfahrten, Lärm und Staus prägten zunehmend das Bild. Graubünden reagierte mit grossen Infrastrukturprojekten. Zahlreiche Umfahrungen, Tunnels und Galerien entstanden. Der Bau moderner Verkehrsachsen wurde zu einer Daueraufgabe. Gleichzeitig bildete der Strassenbau in Graubünden immer ein anspruchsvolles Zusammenspiel mit der Natur. Lawinen, Murgänge, Hochwasser und Steinschläge bedrohen bis heute Strassen und Brücken. Besonders der Klimawandel verschärft die Situation. Auftauender Permafrost destabilisiert Hänge, und Naturereignisse treten häufiger auf. Der Unterhalt der Strassen wird dadurch immer anspruchsvoller und teurer.
Nachhaltiges Bauen
Heute investiert der Kanton jährlich Millionenbeträge in Unterhalt, Sicherheit und Sanierung seiner Verkehrswege. Dabei geht es längst nicht mehr nur um neue Strassen. Im Zentrum stehen nachhaltiges Bauen, Schutz vor Naturgefahren und intelligente Verkehrslenkung. Auch neue Mobilitätsformen verändern die Anforderungen an die Infrastruktur. Trotz aller technischen Entwicklungen bleibt vieles gleich. Noch immer müssen Ingenieure Lösungen finden, um Verkehrswege durch eine der anspruchsvollsten Gebirgslandschaften Europas zu führen. Noch immer entscheiden Strassen über die Erreichbarkeit ganzer Täler. Und noch immer verbinden die Bündner Pässe nicht nur Orte, sondern auch Menschen, Kulturen und Wirtschaftsräume. Die Geschichte des Strassenbaus in Graubünden ist deshalb auch eine Geschichte des Kantons selbst. Sie erzählt von Mut, technischem Fortschritt und vom ständigen Versuch, die Alpen ein Stück näher zusammenzurücken.

