Regierungswahl: Wer setzt sich am besten für die Wirtschaft ein?
06.05.2026
Am Sonntag, 14. Juni wählt die Bündner Stimmbevölkerung neben dem Grossen Rat (S. 22) auch die Bündner Regierung neu. Diese Wahlen haben einen grossen Einfluss auf die Wirtschaftspolitik Graubündens für die nächsten Jahre, denn viele politische Themen, welche das Gewerbe und die KMU im Kanton betreffen, werden von der Regierung massgeblich mitgeprägt. Daher haben wir den acht Kandidatinnen und Kandidaten fünf Fragen gestellt.
Mit welchen konkreten Massnahmen werden Sie sich als gewählte/r Regierungsrat/Regierungsrätin für die Bündner Wirtschaft einsetzen?
Martin Bühler (1976, Fideris, Regierungsrat, FDP): Als Finanzdirektor stehe ich für ein vielfältiges Graubünden und solide Finanzen ein. Graubünden soll auch künftig aus einer Position der Stärke handeln. Gleichzeitig sollen die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler nicht stärker als nötig belastet werden. Unsere Unternehmen sind das Rückgrat des Kantons. Deshalb gilt für mich: keine neuen Abgaben, Ausgabenwachstum bremsen, Investitionen klar priorisieren und auf gute Rahmenbedingungen statt auf staatliche Eingriffe setze.
Marcus Caduff (1973, Morissen und Domat/Ems, Regierungsrat, Die Mitte): Die wichtigste Massnahme, um sich für die Wirtschaft einzusetzen, ist deren Anliegen zu kennen, sprich im permanenten Dialog mit der Wirtschaft zu sein, zuzuhören und pragmatische Lösungen zu finden. Konkret gilt es die Digitalisierung voranzutreiben, um Verwaltungsprozesse zu vereinfachen. Ein weiterer Fokus liegt auf der Innovationsförderung und dem Wissenstransfer zu den Unternehmen (WTT).
Valérie Favre Accola (1973, Davos, Standespräsidentin & Statthalterin Davos, SVP): Als Regionalentwicklerin habe ich direkt mit KMU gearbeitet, von Ansiedlungen über Arealentwicklungen bis zu Weiterbildungsangeboten. Zudem ist meine Familie selbst unternehmerisch tätig. Ich setze mich ein für schnellere Verfahren, gezielte Deregulierung und praxistaugliche Rahmenbedingungen, die allen Regionen qualitatives Wachstum ermöglichen.
Maurizio Michael (1970, Castasegna, Unternehmer, Grossrat, FDP (Parteipräsident Graubünden): Jede Massnahme ist sorgfältig einzuordnen und mit der Regierung abzustimmen. Grundsätzlich vertrete ich eine zurückhaltende Haltung bei neuen Vorschriften. Stattdessen sollen Automatisierung und Koordination (Steueramt, Sozialversicherungen, Migration, KIGA) gestärkt werden, um die bürokratische Belastung zu reduzieren. Ziel ist eine «unternehmensfreundliche Verwaltung» im Dienst von Wirtschaft und Bevölkerung.
Carmelia Maissen (1977, Castrisch, Regierungsrätin, Die Mitte): Eine zentrale Voraussetzung für eine blühende Wirtschaft sind leistungsfähige Infrastrukturen. Dazu gehören sichere Strassen in alle Täler, ein attraktiver ÖV, rasche Internetverbindungen oder der Schutz vor Naturgefahren.
Peter Peyer (1965, Trin, Regierungsrat, SP): In meinem Departement für Rahmenbedingungen, die der Bevölkerung und der Wirtschaft Leben und Arbeiten ermöglichen, so zum Beispiel (Rechts-)Sicherheit, dezentrale Gesundheitsversorgung, zügige Bewilligungsverfahren für Arbeitskräfte. Und departementsübergreifend beispielsweise Förderung von bezahlbarem Wohnraum, familienergänzende Kinderbetreuung und Investitionen in den Klimaschutz.
Nora Saratz Cazin (1981, Pontresina, Gemeindepräsidentin/Juristin, Grossrätin glp): Die Wirtschaft braucht Fachpersonal und junge Leute Zukunftsaussichten in unserem Kanton. Um dies zu sichern, müssen Fachhochschule Graubünden und Berufsschulen sich noch dynamischer entwickeln können und die Profile ausbilden, welche die Bündner Unternehmen nachfragen.
Aita Zanetti (1970, Sent, Kauffrau, Bäuerin, Gemeindepräsidentin von Scuol, Grossrätin, Die Mitte): Ich setze mich für eine starke Bündner Wirtschaft ein, indem wir gezielt in die Menschen investieren, die sie tragen: mit einer Ausbildung, die sich an den realen Bedürfnissen des Arbeitsmarkts orientiert, mit guten Perspektiven für Fachkräfte und mit Rahmenbedingungen, die Innovation und Unternehmertum fördern.
Der Arbeitskräftemangel ist in aller Munde. Wie kann Graubünden als Arbeits- und Wohnkanton attraktiver werden?
Martin Bühler: Graubünden ist attraktiv. Das müssen wir nutzen, mit tiefen Steuern, guter Vereinbarkeit und offenem Arbeitsmarkt. Entscheidend sind zudem rasch verfügbarer Wohnraum für Einheimische und Fachkräfte, gute Bildungsangebote sowie eine leistungsfähige Verkehrs- und Digitalinfrastruktur. So gewinnen und halten wir Fachkräfte.
Marcus Caduff: Der Kanton Graubünden setzt auf eine umfassende Strategie, um als «Naturmetropole» attraktiv zu bleiben: gezieltes Fachkräfte-Marketing («Enavant 4.0»), Förderung von Wohnraum (GFW 2025), Nutzung von Remote-Work-Potenzial (Workation) sowie Investitionen in die digitale Transformation, um das Leben und Arbeiten im Gebirgskanton zu vereinfachen und zu modernisieren.
Valérie Favre Accola: Graubünden ist attraktiv, mancherorts als Ferienort gar zu attraktiv, sodass bezahlbarer Wohnraum für zuziehende Arbeitskräfte fehlt. Der Kanton muss bei der Wohnraumpolitik deregulieren und bei der Mobilität bessere Voraussetzungen schaffen, damit Arbeitskräfte kommen und bleiben.
Maurizio Michael: Beim Arbeitskräftemangel in Graubünden müssen zuerst die Ursachen (Demografie, Wachstum, Wohnraum, Regulierung) verstanden werden. Kurz- und mittelfristig gilt es, zusätzliche Einschränkungen zu vermeiden (10-Millionen-Schweiz), die Rahmenbedingungen für Grenzgänger/innen zu verbessern und den Bau von Erstwohnungen sowie Mitarbeiterunterkünften zu erleichtern – durch Vereinfachung, nicht Subventionierung. Langfristig braucht es eine kohärente Gesamtstrategie.
Carmelia Maissen: Es braucht bezahlbaren Wohnraum, eine tiefe Steuerlast und Angebote, welche die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben erleichtern, damit Fachkräfte und Familien gerne in Graubünden leben und arbeiten. Investitionen in die Bildung und Digitalisierung stärken den Wirtschaftsstandort ebenfalls.
Peter Peyer: Angesichts der Demografie ist gerade Graubünden auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen. Wir sollten deshalb weiter gute Beziehungen zu unseren europäischen Nachbarn pflegen und fahrlässige Experimente wie die 10-Millionen-Initiative klar ablehnen. Alles andere würde der Bündner Wirtschaft und unserer Gesundheitsversorgung massiv schaden.
Nora Saratz Cazin: Ein Schlüsselfaktor ist erschwinglicher Wohnraum. Er muss in allen Teilen des Kantons verfügbar sein, sonst fehlen die Menschen vor Ort, welche das Leben im Kanton erhalten. Gute Pendlerverbindungen bringen die Regionen näher zusammen.
Aita Zanetti: Der Kampf gegen den Arbeitskräftemangel wird nicht nur am Arbeitsplatz entschieden, sondern im ganzen Lebensumfeld. Bezahlbarer Wohnraum, gute Rahmenbedingungen für Familien und eine hohe Lebensqualität sind zentrale Standortfaktoren. Graubünden hat grosses Potenzial. Dieses müssen wir so nutzen, dass Fachkräfte nicht nur zu uns kommen, sondern auch bleiben.
In der Raumplanung und bei den Baubewilligungsverfahren liegt vieles im Argen: Die Verfahren dauern immer länger, und die Regulierungsdichte nimmt zu. Neben Bund und Gemeinden trägt auch der Kanton dafür Verantwortung. Welche Lösungsansätze würden Sie in die Regierung einbringen?
Martin Bühler: Wir brauchen einen Perspektivenwechsel. Wir wollen ermöglichen. Das heisst, die Spielräume zu nutzen, Doppelspurigkeiten abzubauen, Zuständigkeiten zu klären und Verfahren zu digitalisieren. Verbindliche Fristen schaffen Planungssicherheit für Investitionen und Arbeitsplätze. Dabei gilt stets: so viel wie möglich vor Ort entscheiden, so viel wie nötig auf Kantonsebene regeln.
Marcus Caduff: In meinem Departement wird derzeit das kantonale Raumplanungsgesetz überprüft, um es zu vereinfachen und zu verbessern. Dabei geht es vor allem um den Abbau von Überregulierung, mehr Handlungsspielraum für Gemeinden, schnellere Verfahren (insbesondere bei Baubewilligungen) sowie die Reduktion materieller Vorschriften.
Valérie Favre Accola: Stellungnahmen im Vorprüfungsverfahren sollten als zwingende, empfohlene oder fakultative Massnahmen priorisiert werden. Die heute viel zu umfassenden Berichte sind deutlich zu kürzen, das beschleunigt Verfahren spürbar.
Maurizio Michael: In der Raumplanung ist eine Vereinfachung und Kurskorrektur nötig. Denkbar wäre ein «dringlicher Wohnbauplan» (eventuell als Pilotprojekt) unter Einbezug von Eigentümern und Wirtschaft. Eingriffe in den Immobilienmarkt sind zu vermeiden.
Carmelia Maissen: In Graubünden wird traditionell die Gemeindeautonomie sehr hoch gehalten, gerade auch im Baurecht und in der Planung. So ist diesen bei der Bauzonendimensionierung oder Mobilisierung der grösstmögliche Spielraum zu überlassen. Auf Bundesebene müssen wir uns gegen eine noch weitergehende Zentralisierung in der Raumplanung wehren.
Peter Peyer: Die wohl für manche unangenehme Wahrheit ist, dass es für schnellere Verfahren mehr Mitarbeitende bei den entsprechenden Verwaltungsstellen braucht. Ist der Gewerbeverband bereit, sich zusammen mit der Regierung dafür einzusetzen?
Nora Saratz Cazin: In Pontresina haben wir für Baubewilligungen eine Instanz abgeschafft und so die Verfahren schlanker gemacht. Auf kantonaler Ebene setze ich mich bereits heute dafür ein, den Bau von bezahlbaren Wohnungen in der Zone für öffentliche Bauten und Anlagen zu ermöglichen. Auch in der Regierung werde ich mich für konkrete Vereinfachungen einsetzen.
Aita Zanetti: Zu lange Verfahren und immer mehr Regulierung schwächen unseren Standort. Hier braucht es ein klares Umdenken. Weniger Bürokratie, schlankere Abläufe und transparente Prozesse sind zentral, wenn wir Entwicklung ermöglichen statt verhindern wollen.
Die zunehmende Bürokratie und Regulierungsdichte stellen für die Bündner KMU das grösste Problem dar. Wie stehen Sie zur Einrichtung eines unabhängigen, verwaltungsexternen Entlastungsbeauftragten, um Art. 84 Abs. 4 der Bündner Kantonsverfassung umzusetzen?
Martin Bühler: Entscheidend sind Resultate – nicht Strukturen. Ich bin offen für neue Wege.
Marcus Caduff: Art. 84 Abs. 4 stellt eine programmatische Verfassungsnorm dar, ohne konkrete Umsetzungsschritte. Ich bin offen für Vorschläge zum Abbau der Bürokratie und der Regulierungsdichte.
Valérie Favre Accola: Ja, ich befürworte einen verwaltungsexternen Entlastungsbeauftragten gemäss Art. 84 Abs. 4 KV. Gleichzeitig ist es eine zentrale Führungsaufgabe der Regierung, auf Verwaltungsebene mit Augenmass zu regulieren. Beides ergänzt sich.
Maurizio Michael: Die vorgeschlagene Idee überzeugt mich nicht: mehr Komplexität bei geringem Nutzen. Entscheidend sind bessere Koordination und Vereinfachung der Verfahren.
Carmelia Maissen: Bürokratie mit neuen Strukturen und Prozessen, die zudem Kosten verursachen, abbauen zu wollen, dürfte bedingt zielführend sein. Wichtiger sind gute digitale Prozesse, transparente Verfahren und dass bei Gesetzes- und Verordnungsvorlagen konsequent nach den Folgen für die kleineren und mittleren Unternehmen gefragt wird.
Peter Peyer: Das scheint mir – mit Verlaub – eher eine Schnapsidee. Es braucht keine Entbürokratisierungs-Bürokratie.
Nora Saratz Cazin: Ein frischer Blick von aussen kann nicht schaden. Gefordert sind aber auch die Regierung und der Grosse Rat: Wenn der Bund vom Kanton neue Vorschriften verlangt, sollte mehr Energie verwendet werden, auch alte Vorschriften zu streichen.
Aita Zanetti: KMU brauchen weniger Bürokratie, nicht neue Bürokratiebeauftragte. Für mich liegt die Verantwortung zuerst bei der Regierung selbst. Sie muss Abläufe kritisch überprüfen, Abbaupotenzial erkennen und konsequent handeln.
Welche konkrete Regulierung oder welches Gesetz sollte Ihrer Meinung nach auf Kantonsebene gestrichen werden?
Martin Bühler: Regulierungen müssen einen echten Mehrwert bringen. Neue staatliche Aufgaben und Auflagen sind schnell beschlossen, aber selten rasch wieder aufgehoben. Entsprechend zurückhaltend müssen wir sein. Bestehende Vorschriften sind regelmässig zu überprüfen und wo möglich zu vereinfachen oder abzubauen.
Marcus Caduff: Die Antwort lautet gleich wie vor vier Jahren: Aus meiner Wahrnehmung haben wir im Bereich Volkswirtschaft und Soziales keine Gesetze, die gestrichen werden könnten. Wäre dies der Fall, hätten wir es längst getan.
Valérie Favre Accola: Die Verordnung über das Parkplatzmanagement der kantonalen Verwaltung. Wenn selbst das Abstellen eines Autos bis ins letzte Detail geregelt werden muss, gibt es Handlungsbedarf.
Maurizio Michael: Die nächste!
Carmelia Maissen: Für die Gesetze ist der Grosse Rat zuständig. Gäbe es bei den Verordnungen unseres Departements unnötige Regeln, hätten wir diese gestrichen.
Peter Peyer: Es würde auch der Wirtschaft und dem Gewerbe nützen, wenn sich der Kanton bei der Budgetierung nicht mit rigiden finanzpolitischen Richtwerten Fesseln anlegt, welche einer effizienten und effektiven Aufgabenerfüllung im Wege stehen.
Nora Saratz Cazin: Das Schulgesetz schränkt die Gemeinden zu stark ein. Sie sollten ihre Schulen so organisieren können, dass sie für Familien attraktiv sind. So wird die Abwanderung gebremst und neue Familien ziehen nach Graubünden.
Aita Zanetti: Ich hänge nicht an Vorschriften um der Vorschrift willen. Wenn sich zeigt, dass eine Regulierung oder
ein Gesetz überflüssig ist, muss man den Mut haben, es zu streichen.

