Verkehrsinfrastruktur und Tourismus
25.06.2026
Verkehrsinfrastruktur und Tourismus standen in Graubünden immer in einer engen gegenseitigen Wechselwirkung und sind es bis heute. Ohne Verkehrswege wäre der Tourismus nicht entstanden, während umgekehrt der Tourismus immer wieder neue Investitionen in Strassen und Bahnlinien auslöste. Heute sind Alpenpässe oder Bahnlinien touristische Attraktionen.
Die Geschichte Graubündens zeigt deutlich: Verkehrsinfrastruktur und Tourismus sind untrennbar miteinander verbunden. Wir sprachen mit Martin Vincenz, CEO Graubünden Ferien, und Kevin Brunold, CEO Surselva Tourismus, über die Bedeutung und das Zusammenspiel von Verkehrsinfrastruktur und Tourismus. «Die Infrastruktur war sowohl Ermöglicher als auch Folge von Tourismusambitionen – ein sich gegenseitig verstärkendes System», so Vincenz.
Von den Säumerwegen zum UNESCO-Weltkulturerbe
Bereits seit den Römern führten zentrale Verbindungen zwischen Nord- und Südeuropa durch Graubünden. Mit dem Aufkommen des modernen Tourismus im 19. Jahrhundert veränderte sich die Bedeutung der Verkehrsinfrastruktur jedoch grundlegend. Nicht mehr allein der Warenverkehr stand im Vordergrund, sondern zunehmend die Erreichbarkeit der Alpenlandschaft für Erholungssuchende und Kurgäste. Einen entscheidenden Entwicklungsschub brachte der Bau der Rhätischen Bahn Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Orte wie Davos, St. Moritz und Arosa wurden durch die Eisenbahn erst zu internationalen Tourismusdestinationen. Luxushotels entstanden entlang der Bahnlinien, Wintertourismus und Gesundheitsreisen nahmen stark zu. So ist im Historischen Lexikon der Schweiz über den Fremdenverkehr nachzulesen: «Sinkende Reisekosten, schwindende Distanzen und bessere Erreichbarkeit trugen dazu bei, dass die Revolution der Eisenbahn im 19. Jahrhundert auch eine solche des Tourismus auslöste. Die Bahnverbindung schuf das Reiseziel und führte gleichzeitig dahin.» Die spektakulären Bahnstrecken mit Viadukten und Tunnel wurden selbst zu touristischen Attraktionen. 2008 wurde die RhB-Strecke Albula/Bernina sogar zum UNESCO-Weltkulturerbe gekürt. Die Rhätische Bahn ist heute nicht nur Transportmittel, sondern auch ein wichtiger Teil des touristischen Erlebnisses. Für Martin Vincenz war die Verkehrsinfrastruktur schon immer fundamental für die Tourismusentwicklung in Graubünden. «Eine besondere Bedeutung hatten und haben bis heute die Eisenbahnlinien der RhB, denn dadurch können die Gäste eine der eindrucksvollsten Landschaften Europas hautnah erleben.»
Herausforderungen und Chancen
Nach dem Zweiten Weltkrieg gewann der motorisierte Individualverkehr zunehmend an Bedeutung. Der Ausbau des Strassennetzes verbesserte die Erreichbarkeit vieler Regionen erheblich. Dadurch konnten sich auch abgelegenere Täler touristisch entwickeln. Gleichzeitig brachte der wachsende Verkehr neue Herausforderungen mit sich: Staus, Lärm, Umweltbelastungen und hohe Infrastrukturkosten prägen die Diskussion bis heute. Es ist der Freizeitverkehr nach und durch Graubünden, welcher zu den heutigen Verkehrstaus führt. Auch Graubünden Ferien ist sich diesen Herausforderungen bewusst und setzt sich für ein umsichtiges Wachstumsmanagement für eine nachhaltige Tourismusentwicklung ein. Dazu gehört eine besser verteilte Auslastung der Infrastrukturen übers ganze Jahr. «Wir fördern diesen Ansatz in Allianzen mit unseren Partnern, in der Gewinnung neuer und anders reisender Gästemärkte, in der Bekanntmachung von gut erschlossenen Geheimtipps und in der Promotion von längeren Aufenthalten», so Vincenz. Auch die Bewerbung des Öffentlichen Verkehrs gehört dazu. Dieser gehört neben Outdoor-Angeboten (Sport) und Kulinarik zu den drei wichtigsten Differenzierungsmerkmalen Graubündens gemäss einer nationalen Gästebefragung von Schweiz Tourismus. Insbesondere die touristischen Strecken der Rhätischen Bahn erfreuen sich grosser Beliebtheit. Vincenz sagt: «Die Bahnen und Bergstrecken Graubündens sind bis heute selbst ein Gästeerlebnis.» Graubünden Ferien bewirbt Erlebnisse mit dem öffentlichen Verkehr, so auch den Alpine Circle, der die grössten Highlights Graubündens auf einer Rundreise mit dem öffentlichen Verkehr verbindet. Zum Schluss fasst Vincenz zusammen: «Verkehrsinfrastruktur und Tourismus können auch in Zukunft ihre gegenseitige Verstärkung nutzen – zum Vorteil von Gästen, von Einheimischen und Zweitheimischen, von Unternehmen und Investoren.»
Seilbahnen zur Erschliessung von Dörfern
Fast zwei Drittel der Gäste in Graubünden stammen aus der Schweiz. «Entsprechend ist die Verkehrsanbindung an die übrige Schweiz zentral für den Tourismus in Graubünden», so Kevin Brunold. Die Erreichbarkeit einer Destination sei ein entscheidender Wettbewerbsfaktor. «Je einfacher und bequemer unsere Region erreicht werden kann, desto besser geht es uns als Tourismusdestination», so Brunold. So sind die Umfahrungen in der Surselva wie auch der Ausbau des ÖV-Taktplans gemäss Brunold wichtig. In Graubünden spielen Seilbahnen zur Erschliessung von Siedlungen bisher keine Rolle, anders sieht dies in der Zentralschweiz oder im Berner Oberland aus. Der Bericht «Distanzierte Arbeitsmärkte» des Wirtschaftsforums Graubünden (Seite 20) schlägt auch in Graubünden Seilbahnen als Ergänzung des öffentlichen Verkehrs vor. Ziel ist es, Reisezeiten für Einheimische und Gäste zu verkürzen. Im Bericht werden Verbindungen von Dörfern wie Brigels, Obersaxen und Laax ins Tal mit Anschluss an die RhB vorgeschlagen. Für Brunold ist diese Idee des Wirtschaftsforums eine sehr spannende Zukunftsvision, denn die Distanzen von den Dörfern zu den Bahnhöfen wären sogar erstaunlich kurz, viel kürzer als die heutigen Strassenverbindungen. «Wichtig ist, dass solche Projekte nicht isoliert gedacht werden. Sie müssen verkehrstechnisch, wirtschaftlich und touristisch langfristig funktionieren und einen echten Mehrwert für Bevölkerung und Gäste schaffen», so der CEO Surselva Tourismus. Er ergänzt: «Eine Seilbahn allein löst keine grundsätzlichen Herausforderungen des alpinen Verkehrs oder der regionalen Entwicklung. Die Wirtschaftlichkeit einer solchen Seilbahn dürfte schwierig zu erreichen sein». Die Idee solle aber vertieft geprüft werden, so Brunold.

