35 Jahre Berufsbildung im Wandel
21.09.2026
Seit rund 35 Jahren begleitet André Walder als Fachlehrer an der Gewerblichen Berufsschule Chur junge Menschen auf ihrem Weg ins Berufsleben. Im Interview spricht er über den Wandel der Berufsbildung, neue Technologien, veränderte Anforderungen und darüber, was für ihn auch nach all den Jahren unverändert wichtig geblieben ist.
André Walder, Sie sind seit rund 35 Jahren an der Gewerblichen Berufsschule Chur tätig. Erinnern Sie sich noch an Ihre ersten Tage? Was ist Ihnen besonders geblieben?
Ja, sehr gut sogar. Wenn man zum ersten Mal vor rund 20 Lernenden steht, ist eine gewisse Nervosität ganz normal. Besonders geblieben ist mir die Herausforderung, nicht nur Fachwissen zu vermitteln, sondern junge Menschen für ihren Beruf zu begeistern.
Wenn Sie die GBC von damals mit jener von heute vergleichen: Was hat sich in diesen 35 Jahren am stärksten verändert?
Wandtafel, Hellraumprojektor und Anschauungsmaterial waren damals die wichtigsten methodischen Hilfsmittel. Heute gehören Beamer, diverse digitale Bildungsplattformen, Lehrfilme sowie zahlreiche weitere digitale Werkzeuge selbstverständlich zum Unterricht. Die Möglichkeiten sind damit deutlich vielfältiger geworden.
Sie haben in dieser Zeit mehrere Generationen von Lernenden begleitet. Wie haben sich die Jugendlichen verändert?
Ich unterrichte hauptsächlich Forstwarte. Das sind in der Regel echte Berufsfreaks – im positiven Sinn. Sie arbeiten in unwegsamem Gelände, bei Regen, im Winter bei Minustemperaturen und im Hochsommer bei sengender Sonne und sind trotzdem mit grosser Begeisterung in der Natur tätig. Teamarbeit gehört für sie von Anfang an dazu. In diesen Punkten haben sich die jungen Berufsleute über die Jahre kaum verändert. Verändert haben sich hingegen teilweise die schulischen Voraussetzungen. Wir stellen heute fest, dass ein gewisser Anteil der Lernenden die Lehre mit Lücken in grundlegenden Kompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen beginnt. Diese Unterschiede aufzufangen und die Lernenden entsprechend zu unterstützen, gehört heute stärker zu unserem Bildungsauftrag.
Sind junge Menschen heute tatsächlich weniger belastbar und leistungsbereit, wie manchmal behauptet wird – oder hat sich vielmehr die Gesellschaft und damit der Umgang mit Jugendlichen verändert?
Der Umgang der Gesellschaft mit Jugendlichen hat sich stark verändert. Manche wachsen sehr behütet auf und müssen sich zu Beginn der Lehre erst an die Anforderungen der Arbeitswelt gewöhnen. Gerade im ersten halben Jahr ist es deshalb wichtig, sie gut in der Welt der Erwerbstätigen willkommen zu heissen, ihre Selbstständigkeit und Belastbarkeit zu fördern und die Leistungsbereitschaft weiterzuentwickeln.
Welche Fähigkeiten bringen die Lernenden von heute mit, die Jugendliche vor 20 oder 30 Jahren noch kaum hatten?
Viele treten heute selbstsicher auf, äussern ihre Bedürfnisse klar und sind im Umgang mit digitalen Medien sehr selbstverständlich. Diese Offenheit kann eine Stärke sein, wenn sie gleichzeitig lernen, Verantwortung zu übernehmen und sich in ein Team einzufügen.
Und umgekehrt: Gibt es Eigenschaften oder Fähigkeiten, bei denen Sie sagen: Davon würde ich mir heute manchmal wieder etwas mehr wünschen?
Ich wünsche mir manchmal etwas mehr Berufsstolz und Identifikation mit dem zu erlernenden Beruf. Wer Freude an seinem Handwerk hat, Verantwortung übernimmt und hinter seiner Arbeit steht, entwickelt sich häufig auch fachlich besonders gut.
Wie hat sich Ihre eigene Rolle verändert? War der Berufsschullehrer früher stärker Wissensvermittler und ist heute vermehrt auch Coach, Begleiter und Vertrauensperson?
Mit dem Internet, digitalen Bildungsplattformen und dem handlungskompetenzorientierten Unterricht hat sich die Rolle des Berufsschullehrers deutlich verändert. Wir sind heute weniger reine Wissensvermittler und stärker Lernbegleiter, Coaches und manchmal auch Vertrauenspersonen. Fachwissen bleibt wichtig, aber ebenso entscheidend ist es, Lernende dabei zu unterstützen, selbstständig zu denken, Probleme zu lösen und Verantwortung für ihren Lernprozess zu übernehmen.
Vor 35 Jahren gab es weder Smartphones noch Social Media oder Künstliche Intelligenz im heutigen Sinn. Wie grundlegend hat die Digitalisierung den Unterricht verändert?
Die Digitalisierung kann den Unterricht enorm bereichern und eröffnet viele neue Möglichkeiten. Entscheidend ist jedoch nicht, ob digitale Mittel eingesetzt werden, sondern wie und mit welchem pädagogischen Mehrwert. Digital ist nicht automatisch besser. Das passende Werkzeug muss zum Lernziel und zur Unterrichtssituation passen.
Hat sich dadurch auch die Art verändert, wie Jugendliche lernen, sich konzentrieren und Wissen aufnehmen?
Ich habe den Eindruck, dass eine starke und wenig reflektierte Nutzung von Kurzvideo-Plattformen wie TikTok oder Instagram die Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigen kann. Im Unterricht zeigt sich teilweise, dass es schwieriger geworden ist, die Aufmerksamkeit über längere Zeit auf eine Aufgabe zu richten. Umso wichtiger ist es, den bewussten Umgang mit digitalen Medien sowie Konzentration, Ausdauer und selbstständiges Lernen zu fördern.
Gerade in den Bauberufen haben neue Technologien, Maschinen, digitale Planung und neue Materialien Einzug gehalten. Wie stark haben sich die Berufsbilder selbst verändert?
Die Berufsbilder in den Bauberufen haben sich in den letzten Jahren stark verändert. Neue Technologien, moderne Maschinen, digitale Planungs- und Messverfahren sowie neue Materialien haben viele Arbeitsabläufe vereinfacht, beschleunigt und teilweise grundlegend verändert. Gleichzeitig sind dadurch neue Kompetenzen gefragt. Fachkräfte müssen heute nicht nur handwerklich geschickt sein, sondern auch digitale Hilfsmittel und moderne Maschinen sicher und effizient einsetzen können. Trotz dieser Entwicklung bleiben die fachlichen und handwerklichen Grundlagen zentral. In der Ausbildung müssen diese weiterhin vermittelt, verstanden und praktisch geübt werden. Nur wer die grundlegenden Zusammenhänge kennt, kann moderne Technologien sinnvoll einsetzen, Arbeitsergebnisse beurteilen und bei Problemen richtig reagieren. Die Berufsbilder haben sich somit vom rein handwerklich geprägten Beruf zu einer Kombination aus Handwerk, Technik und digitalem Know-how weiterentwickelt.
Gibt es gleichzeitig Dinge, bei denen Sie nach 35 Jahren sagen: Das hat sich überhaupt nicht verändert – und das ist auch gut so?
Was sich über all die Jahre nicht verändert hat und hoffentlich auch nicht verändern wird, ist unser hoher Qualitätsanspruch. Bei uns wird nach wie vor auf einem sehr hohen Niveau gearbeitet. Wenn ich beispielsweise die Möbel betrachte, die unsere Schreinerlernenden Jahr für Jahr an der «Holz kreativ» ausstellen, bin ich immer wieder beeindruckt von der Präzision und dem handwerklichen Können, mit denen diese Stücke gefertigt werden. Genau dieser Anspruch an Präzision und Qualität zeichnet unsere Berufsleute aus und macht sie stark.
Sie haben vermutlich Tausende junge Menschen auf einem Stück ihres beruflichen Weges begleitet. Was macht für Sie einen guten Lernenden aus?
Für mich ist der Wille entscheidend. Ein guter Lernender muss nicht von Anfang an alles können, aber er muss den Willen haben, ein guter Berufsmann zu werden. Ich bin überzeugt: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Wer bereit ist zu lernen, Verantwortung zu übernehmen und an sich zu arbeiten, kann sehr viel erreichen. Wissenslücken lassen sich schliessen und Fertigkeiten können trainiert werden. Entscheidend ist die Einstellung. Manchmal braucht es dafür auch die Bereitschaft, eine Extrameile zu gehen und nicht gleich aufzugeben, wenn etwas schwierig wird. Diese Haltung ist für mich wichtiger als perfekte Voraussetzungen.
Und was zeichnet aus Ihrer Erfahrung einen wirklich guten Lehrbetrieb aus?
Zuerst möchte ich betonen, dass wir sehr viele gute Lehrbetriebe haben. Den Lehrmeistern ist heute bewusst, dass sie nicht einfach Lernende beschäftigen, sondern die Berufsleute und Fachkräfte von morgen ausbilden. Ein guter Lehrbetrieb gibt jungen Menschen deshalb möglichst früh Verantwortung. Lernende sollen Arbeiten, die ihrem Ausbildungsstand entsprechen, zunehmend selbstständig ausführen dürfen. Gleichzeitig brauchen sie eine gute Anleitung, ehrliche Rückmeldungen und Unterstützung, wenn etwas noch nicht gelingt. Besonders wichtig sind Erfolgserlebnisse. Wer merkt, dass ihm etwas zugetraut wird und dass er Fortschritte macht, entwickelt Selbstvertrauen und Freude am Beruf. Das motiviert und schafft die Grundlage dafür, dass aus einem Lernenden Schritt für Schritt ein selbstständiger und verantwortungsbewusster Berufsmann wird. Am Ende sollte eine Lehre immer eine Win-win-Situation sein. Der Lernende erhält eine fundierte Ausbildung und entwickelt sich fachlich und persönlich weiter. Der Lehrbetrieb wiederum bildet gut ausgebildete Berufsleute aus, auf die unsere Branche auch in Zukunft angewiesen ist.
Wie hat sich die Zusammenarbeit zwischen Berufsfachschule, Lehrbetrieben und Eltern über die Jahre verändert?
Die Zusammenarbeit zwischen Berufsfachschule und Lehrbetrieben war über all die Jahre gut und ist es auch heute noch. Verändert haben sich vor allem die Kommunikationswege. Durch die Digitalisierung ist der Austausch einfacher, schneller und transparenter geworden. So sind beispielsweise Absenzen und Noten für die Lehrbetriebe zeitnah einsehbar. Dadurch können bei Bedarf frühzeitig Gespräche geführt und gemeinsam Lösungen gesucht werden. Die Zusammenarbeit mit den Eltern spielt im Berufsfachschulalltag eine eher untergeordnete Rolle. Solange die Lernenden noch nicht volljährig sind, werden die Eltern bei grösseren Schwierigkeiten oder besonderen Situationen einbezogen. Dies betrifft jedoch eher Einzelfälle. Grundsätzlich steht während der Berufslehre zunehmend die Eigenverantwortung der Lernenden im Vordergrund. Insgesamt ist die Zusammenarbeit heute nicht unbedingt intensiver als früher, aber durch die digitalen Möglichkeiten schneller, direkter und transparenter geworden.
Heute kämpfen viele Unternehmen darum, genügend geeignete Lernende zu finden. War der Nachwuchsmangel vor 20 oder 30 Jahren bereits ein Thema – oder ist das eine neue Dimension?
Der Nachwuchsmangel war auch vor 20 oder 30 Jahren in gewissen Berufen bereits ein Thema. Heute hat sich die Situation jedoch deutlich verschärft. Ein wichtiger Grund dafür ist aus meiner Sicht der gesellschaftliche Wandel. Früher genoss das Handwerk einen höheren Stellenwert. Heute verbinden viele Eltern den Besuch eines Gymnasiums und ein anschliessendes Studium mit besseren Zukunftschancen und einem gesellschaftlichen Aufstieg. Auch begabten Schülerinnen und Schülern wird teilweise eher zu einer akademischen Laufbahn als zu einer Berufslehre geraten. Gleichzeitig hat sich das gesellschaftliche Ansehen vieler handwerklicher Berufe verändert. Wer körperlich arbeitet und am Abend mit schmutzigen Arbeitskleidern nach Hause kommt, geniesst in der öffentlichen Wahrnehmung teilweise weniger Ansehen als jemand, der im Büro arbeitet. Dabei wird oft übersehen, wie anspruchsvoll, vielseitig und verantwortungsvoll viele handwerkliche Berufe heute sind und welche guten Weiterbildungs- und Karrieremöglichkeiten sie bieten. Diese Entwicklung hat den Nachwuchsmangel in vielen Branchen sicherlich verstärkt. Allerdings gibt es grosse Unterschiede zwischen den einzelnen Berufen. Während manche Lehrberufe weiterhin sehr gefragt sind, haben andere zunehmend Schwierigkeiten, genügend geeignete Lernende zu finden.
Gerade handwerkliche Berufe haben teilweise Mühe, Jugendliche zu gewinnen. Was muss passieren, damit diese Berufe wieder stärker wahrgenommen und geschätzt werden?
Wir verfügen in der Schweiz mit dem dualen Bildungssystem über eine grossartige Errungenschaft. Eine Berufslehre bietet jungen Menschen einen direkten Einstieg in die Arbeitswelt und gleichzeitig sehr viele Möglichkeiten zur Weiterbildung und beruflichen Entwicklung. Ich habe aber den Eindruck, dass dieser Bildungsweg in unserer Gesellschaft nicht mehr die Wertschätzung erhält, die er eigentlich verdient. Hier sehe ich auch jene Personen und Institutionen in der Verantwortung, die die öffentliche Diskussion über Bildung und beruflichen Erfolg prägen. Politik, Schulen und Medien sollten viel stärker vermitteln, dass eine Berufslehre kein Bildungsweg zweiter Klasse ist. Ein Gymnasium mit anschliessendem Studium ist nicht automatisch der bessere Weg. Entscheidend ist, welcher Weg zu den Fähigkeiten, Interessen und Stärken eines jungen Menschen passt. Gerade die handwerklichen Berufe müssen zudem zeigen, was sie heute tatsächlich bieten. Viele dieser Berufe sind technisch anspruchsvoll, abwechslungsreich und mit grosser Verantwortung verbunden. Gleichzeitig eröffnen sie hervorragende Weiterbildungs- und Karrieremöglichkeiten, bis hin zur höheren Berufsbildung, zu Führungsfunktionen oder zur Selbstständigkeit. Wenn wir wieder mehr Jugendliche für diese Berufe gewinnen wollen, müssen wir deshalb nicht nur die Berufe besser vermarkten. Wir müssen vor allem die gesellschaftliche Wahrnehmung der Berufsbildung verändern. Eine gute Berufslehre sollte wieder als das wahrgenommen werden, was sie ist: ein anspruchsvoller, wertvoller und zukunftsfähiger Bildungsweg.
Welche Rolle spielen dabei Veranstaltungen wie die Fiutscher? Wie wichtig ist es, dass Jugendliche einen Beruf nicht nur auf dem Smartphone sehen, sondern erleben, ausprobieren und mit Berufsleuten sprechen können?
Veranstaltungen wie Fiutscher sind für die Nachwuchsgewinnung in allen Berufsfeldern sehr wichtig. Sie ermöglichen Jugendlichen, Berufe unmittelbar kennenzulernen, Fragen zu stellen und Tätigkeiten selbst auszuprobieren. Mindestens ebenso wichtig ist die anschliessende Schnupperlehre. Eine gut organisierte Schnupperlehre in einem motivierten, wertschätzenden Arbeitsteam kann entscheidend dazu beitragen, dass sich junge Menschen für einen Beruf und einen Lehrbetrieb begeistern.
Nach rund 35 Jahren Berufsbildung haben Sie viele Reformen und Veränderungen erlebt. Was wurde in der Berufsbildung klar besser – und wo sind wir vielleicht auch in die falsche Richtung gegangen?
Viele Reformen haben die Berufsbildung und den Unterricht zweifellos verbessert. Wichtig ist für mich jedoch, dass Neuerungen nicht um der Neuerung willen eingeführt werden, sondern dort, wo sie einen echten Mehrwert bringen. Oft ist eine sinnvolle Kombination aus bewährten Methoden und neuen Ansätzen am wirkungsvollsten. Nicht alles Alte ist schlecht und nicht alles Neue automatisch besser.
Wenn Sie an die vielen ehemaligen Lernenden zurückdenken: Gibt es Begegnungen oder Geschichten, die Ihnen bis heute besonders in Erinnerung geblieben sind?
Oh ja, da könnte ich viele Anekdoten erzählen. Besonders schön ist es, wenn mich ehemalige Lernende nach Jahrzehnten ansprechen und erzählen, welchen beruflichen Weg sie eingeschlagen haben. Dann merkt man, dass man junge Menschen zwar nur während eines kleinen Abschnitts ihres Lebens begleitet, dabei aber manchmal doch etwas Bleibendes mitgeben konnte.
Was hat Sie persönlich nach all diesen Jahren motiviert, weiter mit jungen Menschen zu arbeiten und sich für die Berufsbildung einzusetzen?
Mein beruflicher Werdegang hat mit einer Forstwartlehre begonnen, und mein Herz schlägt bis heute für die Waldberufe. Wenn ich heute nochmals vor der Berufswahl stehen würde, würde ich mich wieder für denselben Weg entscheiden. Diese Verbundenheit mit dem Beruf hat mich all die Jahre motiviert, mich für junge Menschen und ihre Ausbildung einzusetzen. Es ist mir wichtig, meine Erfahrung und meine Begeisterung für den Beruf weiterzugeben und die Lernenden auf ihrem Weg ins Berufsleben zu begleiten. Zu sehen, wie sie sich entwickeln, Verantwortung übernehmen und ihren eigenen Weg finden, empfinde ich bis heute als eine sehr schöne und bereichernde Aufgabe.
Wagen wir einen Blick voraus: Wie wird die Berufsbildung in zehn oder zwanzig Jahren aussehen? Wird KI den Unterricht und die Berufswelt nochmals grundlegend verändern?
KI wird Handwerker wie Zimmerleute, Maurer oder Forstwarte nicht ersetzen. Sie wird aber auch diese Berufe verändern und bei Planung, Dokumentation, Informationsbeschaffung oder Ausbildung zunehmend unterstützen. Berufe mit einem hohen Anteil an standardisierten Routinearbeiten, insbesondere im Bürobereich, dürften stärker unter Druck geraten. Entscheidend wird sein, KI als Werkzeug sinnvoll zu nutzen und gleichzeitig die fachliche Urteilskraft des Menschen zu erhalten.
Wenn Sie heute nochmals ganz am Anfang Ihrer Tätigkeit an der GBC stehen würden: Was würden Sie gleich machen – und was vielleicht anders?
Gewisse Unterrichtssequenzen, beispielsweise zur Arbeitssicherheit, unterrichte ich bewusst eher streng und konsequent. In diesen Bereichen gibt es für mich wenig Spielraum, weil Fehler schwerwiegende Folgen haben können. Diese klare Haltung habe ich bis heute beibehalten. Was sich im Laufe der Jahre verändert hat, ist mein Umgang mit schwächeren Lernenden. Als junger Lehrer hatte ich den Ehrgeiz, möglichst alle Lernenden auf ein erfolgreiches Qualifikationsverfahren und auf möglichst gute Noten hinzuführen. Dabei war mein Anspruch manchmal vielleicht höher als das, was für den einzelnen Lernenden in diesem Moment wirklich entscheidend war. Mit den Jahren habe ich erlebt, dass schulische Leistungen und Prüfungsnoten nicht alles über die spätere berufliche Entwicklung aussagen. Auch Lernende, die sich während der Ausbildung schwertaten und das Qualifikationsverfahren nur knapp bestanden, haben sich später zu sehr guten und geschätzten Berufsleuten entwickelt. Heute bringe ich deshalb bei schwächeren Lernenden mehr Geduld und Verständnis auf und versuche, ihre individuellen Stärken stärker zu berücksichtigen. Den Anspruch an sie habe ich deswegen nicht aufgegeben. Ich bin aber gelassener geworden und weiss aus Erfahrung, dass nicht jeder Lernende zum gleichen Zeitpunkt sein Potenzial zeigt. Manchmal braucht es einfach etwas mehr Zeit, bis sich jemand zu einem guten Berufsmann entwickelt.
Und zum Schluss: Wenn Sie Ihre rund 35 Jahre an der GBC in einem Satz zusammenfassen müssten – welcher wäre das?
In diesen 35 Jahren hat sich vieles verändert – geblieben ist für mich die Freude daran, junge Menschen für ihren Beruf zu begeistern und sie ein Stück auf ihrem Weg ins Berufsleben zu begleiten.

