Arbeitsausfälle frühzeitig angehen lohnt sich
16.09.2026
Krankheits- und unfallbedingte Arbeitsausfälle gehören zum Alltag jedes Unternehmens. Entscheidend ist jedoch nicht nur, wie lange Mitarbeitende fehlen, sondern auch, wie Arbeitgebende mit der Situation umgehen. Wer früh das Gespräch sucht und die Rückkehr sorgfältig vorbereitet, erhöht die Chancen auf eine erfolgreiche Wiedereingliederung.
Die durchschnittliche Abwesenheitsdauer pro Mitarbeiterin und Mitarbeiter liegt gemäss der Mitgliederumfrage 2025 bei 4,24 Tagen pro Jahr und damit deutlich unter dem Schweizer Durchschnitt. Dennoch beobachten 39 Prozent der Betriebe mehr krankheits- oder unfallbedingte Ausfälle als vor fünf Jahren. Besonders psychische Belastungen wie Erschöpfung oder Burnout nehmen zu. Das zeigen auch die Erfahrungen der IV-Stelle Graubünden und des Regionalen Ärztlichen Dienstes Ostschweiz.
Für Thomas Pfiffner, Leiter der IVStelle Graubünden, ist rasches Handeln entscheidend. «Je länger eine Arbeitsunfähigkeit dauert, desto schwieriger wird in der Regel die Rückkehr an den Arbeitsplatz», sagt er. Betriebe sollten deshalb früh das Gespräch suchen, den Kontakt aufrechterhalten und gemeinsam mit Ärzteschaft und Versicherungen Lösungen prüfen. Je früher eine schrittweise Rückkehr geplant werde, desto grösser seien die Erfolgschancen. Eine teilweise Arbeitsaufnahme ist auch während einer ärztlich bescheinigten Arbeitsunfähigkeit möglich. Voraussetzung ist, dass die Tätigkeit den gesundheitlichen Einschränkungen angepasst ist, den Heilungsverlauf nicht gefährdet und die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt zustimmt. Umfang und Art der Arbeiten sollten klar abgesprochen werden.
Transparenz und Datenschutz
Offene Kommunikation ist wichtig. Gleichzeitig gilt es, den Datenschutz einzuhalten. Gesundheitsdaten gehören zu den besonders schützenswerten Personendaten. Arbeitgebende dürfen deshalb nur Informationen bearbeiten, die für das Arbeitsverhältnis notwendig sind. Gegenüber dem Team empfiehlt sich eine transparente Kommunikation – allerdings nur im Einverständnis der betroffenen Person. Unterstützung bietet das kostenlose Online-Werkzeug reWork-Profil von «compasso.ch». Damit können Arbeitgebende die Anforderungen am Arbeitsplatz beschreiben und der behandelnden Ärzteschaft eine differenzierte Beurteilung der Arbeitsfähigkeit ermöglichen. Für Natalie Plaukovits, Versicherungsmedizinerin des Regionalen Ärztlichen Dienstes Ostschweiz, ist dieser Perspektivenwechsel entscheidend: «Nicht die Diagnose steht im Mittelpunkt, sondern die Frage, welche Tätigkeiten eine Person trotz ihrer gesundheitlichen Einschränkung weiterhin ausüben kann.» So richtet sich der Blick auf vorhandene Ressourcen statt auf Defizite.
Auch Arbeitsunfähigkeitszeugnisse sorgen für Unsicherheiten. Sie bestätigen grundsätzlich lediglich Grad und Dauer der Arbeitsunfähigkeit. Diagnosen gehören nicht in ein Arztzeugnis und dürfen von Arbeitgebenden grundsätzlich nicht verlangt werden. Bestehen berechtigte Zweifel, empfiehlt Plaukovits zunächst das Gespräch mit der behandelnden Ärzteschaft. Erst wenn keine Einigung möglich ist, kann eine vertrauensärztliche Untersuchung sinnvoll sein.
Geduld ist unverzichtbar
Besonders anspruchsvoll ist die Wiedereingliederung nach psychischen Erkrankungen. Rückschläge können Teil des Genesungsprozesses sein. Umso wichtiger ist die Zusammenarbeit aller Beteiligten. «Eine erfolgreiche Wiedereingliederung gelingt nur, wenn Arbeitgebende, Mitarbeitende, Ärzteschaft und Versicherungen gemeinsam am gleichen Ziel arbeiten», betont Thomas Pfiffner.
Die Invalidenversicherung unterstützt Unternehmen mit verschiedenen Instrumenten – von der Früherfassung über Integrationsmassnahmen bis zu Arbeitsversuchen oder Job Coachings. Eine Schlüsselrolle übernehmen die direkten Vorgesetzten. Sie halten den Kontakt, bereiten die Rückkehr vor und schaffen ein Arbeitsumfeld, das Vertrauen vermittelt. Auch Natalie Plaukovits unterstreicht die Bedeutung von Geduld: «Rückschläge gehören besonders bei psychischen Erkrankungen oft zum Heilungsprozess. Entscheidend ist, den eingeschlagenen Weg gemeinsam weiterzugehen.» Für Unternehmen bedeutet dies, Arbeitsausfälle nicht nur zu verwalten, sondern aktiv zu begleiten und bei Bedarf Unterstützung beizuziehen. Wer früh handelt, offen kommuniziert und vorhandene Ressourcen nutzt, schafft gute Voraussetzungen für eine nachhaltige Rückkehr an den Arbeitsplatz.

