«Bildungssysteme weltweit stehen im Zuge der digitalen Transformation unter Reformdruck»

Künstliche Intelligenz verändert Arbeitsprozesse, Kompetenzanforderungen und Lernformen in rasantem Tempo. Warum die Schweizer Berufsbildung im internationalen Vergleich dennoch gut aufgestellt ist, welche Rolle die höhere Berufsbildung dabei spielt und wo trotz aller Stärken Handlungsbedarf besteht, erklärt im Interview Lena Dändliker, Direktorin des Swiss Education Lab an der ETH Zürich.

Lena Dändliker, Sie beschäftigen sich mit der digitalen Transformation in der Berufsbildung. Was ist alles darunter zu verstehen?
Die digitale Transformation umfasst einen tiefgreifenden Wandel: Neue Technologien verändern ganze Arbeitsprozesse, Kompetenzanforderungen und Lernformen. Die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt verändern sich rasant. Ein Tool, das gestern noch aktuell war, kann morgen bereits veraltet sein, und Tätigkeiten, die früher zur Routine gehörten, werden heute teilweise oder vollständig von künstlicher Intelligenz (KI) übernommen. Um Schritt zu halten, muss die Berufsbildung flexibel auf neue Anforderungen reagieren – sowohl in der Schule als auch im Betrieb.

Wo stehen wir diesbezüglich in der Schweiz heute?
Bildungssysteme weltweit stehen im Zuge der digitalen Transformation unter Reformdruck. Dieser Druck ist auch in der Schweiz spürbar. Zwei wichtige Faktoren wirken aber als Schutzmechanismen: Das duale Bildungssystem verbindet Schule und Betrieb eng, sodass Lernende praxisnahe Kompetenzen erwerben und stets mit arbeitsmarktrelevanten Technologien und Tools lernen. Gleichzeitig erlaubt die hohe Durchlässigkeit des Bildungssystems lebenslanges Auf- und Umsteigen. Die höhere Berufsbildung spielt dabei eine zentrale Rolle – ein Gefäss, das in vielen Ländern gar nicht existiert. Und auch die Berufsmatur für den Zugang zu Fachhochschulen ist ein wichtiges Element der Durchlässigkeit.

Was zeigt die Forschung dazu?
Die Forschung zeigt, dass die Berufsbildung im Kontext der digitalen Transformation in der Schweiz vergleichsweise gut aufgestellt ist. Unternehmen suchen vermehrt Personen mit tertiärer Ausbildung, insbesondere aus der höheren Berufsbildung. Auch die berufliche Grundbildung steht gut da, wie der Bildungsbericht Schweiz 2023 zeigt: Lernende an Berufsmaturitätsschulen bewerten ihre digitalen Fähigkeiten oft höher als andere Sekundarstufe-II-Absolvent/innen, was zeigt, dass sie gut auf die Anforderungen des Arbeitsmarktes vorbereitet sind.

Können sie ein konkretes Beispiel geben, wie die digitale Transformation die Berufsbildung in den letzten Jahren bereits verändert hat?
Die Berufsbildung in der Schweiz ist eine gemeinsame Aufgabe von Bund, Kantonen und den Organisationen der Arbeitswelt (OdA). Die OdA sind für die Berufsentwicklung verantwortlich. Sie passen Handlungskompetenzprofile regelmässig an Entwicklungen der digitalen Transformation an, schaffen neue Berufe und heben alte auf. Zwischen 2022 und 2024 wurden 15 neue Berufe geschaffen und 14 Berufe aufgehoben. Neue Abschlüsse im Jahr 2026, wie der AI Business Specialist, zeigen, wie KI zunehmend Teil der Berufsbildung wird. Zudem wurden 129 Berufe revidiert, beispielsweise Maurer/in EFZ und Polydesigner/in 3D EFZ. Die Veränderungen in der Berufsbildung durch die digitale Transformation wirken damit fortlaufend und dynamisch über den gesamten Berufsentwicklungsprozess.

KI ist nicht neu, aber plötzlich für alle Arbeitnehmer und auch für die Betriebe verfügbar. Wie verändert dieser Umstand die Arbeitswelt im generellen?
Die digitale Transformation lässt sich mit einer Tsunami-Welle vergleichen: Sie erfasst alle, die nicht darauf surfen wollen oder können. Mit dem Aufstieg generativer KI durch ChatGPT im Herbst 2022 ist diese Welle noch schneller und mächtiger geworden. KI eröffnet neue Möglichkeiten für die Gestaltung von Inhalten, individuelles Lernen und effizientere Arbeitsprozesse. Dabei geht es nicht nur um Routineaufgaben, sondern auch kognitiv anspruchsvolle Tätigkeiten können zunehmend unterstützt oder übernommen werden.

Welche Branchen sind von KI am stärksten betroffen, welche weniger stark?
Besonders stark betroffen sind IT-Berufe, wie Anwendungsprogrammierer/innen und Datenbank- oder Softwareentwickler/innen, weil hier viele Tätigkeiten von KI ergänzt oder ersetzt werden können. Aber auch Berufe wie Arbeits- und Personalvermittler/innen, Journalist/ nnen oder Maketingfachpersonen sind vergleichsweise stark betroffen. Kaum betroffen sind manuelle Tätigkeiten wie Reinigung oder Hauswartung, wie eine Studie der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich zeigt. Auch Pflegeberufe sind bisher kaum von KI betroffen.

Sind Ängste um das Automatisierungsrisiko berechtigt?
Ängste um das Automatisierungsrisiko gilt es ernst zu nehmen. In einer Studie der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF) und der Universität Bern waren Personen im Durchschnitt bereit, auf 20 % ihres Lohns zu verzichten, um das Automatisierungsrisiko um 10 Prozentpunkte zu senken. Eine Studie der Konjunkturforschungsstelle bestätigt zudem, dass bei stärker betroffenen Berufen seit der Lancierung von ChatGPT 2022 auch die Arbeitslosigkeit vergleichsweise gestiegen ist. Gleichzeitig ist generative KI ist aber noch längst nicht flächendeckend im Einsatz. 2025 nutzten mehr als ein Viertel der Absolvent/innen der höheren Fachschule KI relativ selten, also nur monatlich oder gar nicht. In Branchen wie Gesundheit und Sozialwesen nutzten sogar über 40 % KI relativ selten. Die Ängste lassen sich zudem im Kontext des Fachkräftemangels und der demographischen Entwicklung relativieren. Unternehmen könnten KI nutzen, um Qualität und Effizienz der Arbeit zu steigern und so dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Ausserdem könnte KI angesichts der Pensionierungswelle unterstützend wirken, ohne dass Mitarbeitende automatisch ersetzt werden.

Was können kleine und mittlere Betriebe konkret tun, um ihre Mitarbeitenden auf eine KI-geprägte Arbeitswelt vorzubereiten?
KI sollte nicht um ihrer selbst willen eingesetzt werden, sondern dort, wo sie einen klaren Mehrwert bringt – etwa durch Effizienzgewinne oder eine bessere Qualität. Der Nutzen ist zu Beginn aber oft schwer einzuschätzen, daher ist Trial-and-Error wichtig. Für KMU bedeutet das, offen auf die Veränderungen zu reagieren. Mitarbeitende sollten aktiv durch die «Tsunami-Welle» begleitet werden, ihre Ängste ernst genommen und Perspektiven aufgezeigt werden. Die Schweiz verfügt über ein umfassendes höheres Berufsbildungs- und ein flexibles Weiterbildungsangebot, das Unternehmen nutzen können, um Mitarbeitende auf den Umgang mit KI vorzubereiten. Solche formalen höheren Berufsbildungsgänge oder auch Weiterbildungskurse können dabei helfen, das Automatisierungsrisiko abzufedern, indem sie grundlegende KI-Kompetenzen vermitteln, wie zum Beispiel den Umgang mit KI-Tools, das kritische Prüfen von Ergebnissen oder den reflektierten Umgang mit ethischen und datenschutzrechtlichen Fragen. Eine einfach umsetzbare Massnahme ist zudem Reverse Mentoring: Jüngere Mitarbeitende, die oft KI-affiner sind als ältere, geben ihr Wissen weiter, was dazu beitragen kann, Sicherheit im Umgang mit KI aufzubauen.

Welche Chancen eröffnet KI für Lehrbetriebe und Lernende und wo liegen die Herausforderungen?
Viele Lernende bringen heute Erfahrung mit generativer KI in die Lehre mit. Bereits in der obligatorischen Schule nutzen über die Hälfte der Schüler/innen KI-Tools wie ChatGPT oder Übersetzungstools, wie die Studie Monitoring der Digitalisierung der Bildung der SKBF von 2024 zeigt. Für viele Jugendliche und junge Erwachsene ist KI ein selbstverständliches Hilfsmittel geworden – heute wird nicht mehr nur «gegoogelt», sondern es werden zunehmend direkt KI-Sprachmodelle verwendet. Das eröffnet Chancen. ür Lehrbetriebe sind Lernende eine kostengünstige Möglichkeit, KI im Betrieb einzubinden. Für Lernende bietet sich die Chance, Aufgaben qualitativ besser und effizienter auszuführen. Zudem können sie aktiv an KI-Prozessen mitwirken und damit früh Verantwortung übernehmen. Es bestehen aber auch Herausforderungen: Häufig fehlt das Wissen bei Lernenden, wie KI reflektiert eingesetzt werden kann. Dies birgt die Gefahr, dass sie sich zu stark auf KI verlassen und Inhalte nicht kritisch prüfen.

Wie beeinflusst KI das Lernen?
Verschiedene Studien zeigen, dass KI den Lernprozess positiv unterstützen kann. Konkret kann es die schulischen Leistungen, die Motivation, die Lernbereitschaft, sowie die Selbstregulation und -wirksamkeit erhöhen. Der Gebrauch von KI-Sprachmodellen kann auch die kognitive Belastung reduzieren. Der Einsatz von KI kann für das Lernen aber auch negative Folgen haben, zum Beispiel wenn Lernende KI-Sprachmodelle lediglich dafür nutzen, um Aufgaben für sich lösen zu lassen oder sie für denkintensive Aufgaben verwenden, ohne selbst nach alternativen Lösungen zu suchen. Diese Entwicklungen werfen bildungspolitische Fragen auf, denn ohne solides Grundlagenwissen und elementare menschliche Denkfähigkeiten kann selbstständige Teilhabe an Gesellschaft und Wirtschaft jenseits von KI zu einer Herausforderung werden.

Wie können Lernende beim Lernen mit KI unterstützt werden?
Wichtig ist, dass Lernende mit KI nicht allein gelassen werden. Die Jugend ist eine sensible Phase, daher ist die Begleitung durch Lehrpersonen und Berufsbildner/innen entscheidend. Ein offener Austausch mit den Lernenden hilft, KI bewusst einzusetzen. Gemeinsame Leitlinien zur Orientierungshilfe, oder Listen mit Prompt-Vorschlägen und -Beispielen können diesen Prozess zusätzlich unterstützen.  Damit dies gelingt, müssen Lehrpersonen und Berufsbildner/innen dranbleiben. Sie brauchen ein Verständnis für ethische Fragestellungen, Datenschutz, Funktionsweisen von KI und mögliche Verzerrungen in den Ergebnissen. Bund, Kantone und Organisationen der Arbeitswelt bieten Hilfestellungen, um Lehrpersonen im Umgang mit Risiken zu unterstützen. Ergänzend existieren diverse Weiterbildungsangebote, beispielsweise an Hochschulen. Wichtig bleibt, dass Lernende Inhalte hinterfragen, reflektieren und eigene Entscheidungen treffen. So könnten Lernende KI-Sprachmodelle zum Beispiel gezielt in einzelnen Arbeitsschritten erproben. KI kann zunächst bei der Strukturierung eines Textes angewendet werden, dann beim Ausformulieren einzelner Abschnitte in kritischer Interaktion und zuletzt beim Korrigieren eines Entwurfs.

Welche Kompetenzen gewinnen durch KI in der Berufsbildung an Bedeutung und welche verlieren an Relevanz?
Im Zuge der digitalen Transformation gewinnen besonders Soft Skills wie Kommunikationsfähigkeit, Flexibilität, und Problemlösungsfähigkeiten an Bedeutung. Diese Kompetenzen lassen sich von Beruf zu Beruf übertragen – ein Vorteil in Zeiten, in denen Technologien und Tools schnell veralten und Unternehmen oft schwer einschätzen können, welche spezifischen Fähigkeiten in Zukunft benötigt werden. KI könnte diesen Trend beschleunigen, da sich Arbeitsanforderungen dadurch noch schneller ändern und zunehmend auch komplexe Aufgaben, wie beispielsweise Programmieren, von KI übernommen werden. Die Berufsbildung bietet hier einen Vorteil gegenüber akademischer Bildung, da Soft Skills am besten direkt am Arbeitsplatz erworben werden: Lernende sammeln praxisnahe Kompetenzen von Beginn an, etwa beim Treffen von Entscheidungen unter realen Bedingungen oder beim Reagieren auf unvorhergesehene Situationen.

Wo stehen Berufsfachschulen und Lehrbetriebe aktuell im Umgang mit KI, und welche Hürden bremsen die sinnvolle Integration?
Wir stehen insgesamt eher noch am Anfang. KI ist in der Arbeitswelt noch nicht flächendeckend angekommen. Entsprechend ist der breite Einsatz von KI in Lehrbetrieben und Berufsfachschulen noch nicht selbstverständlich. Viele Lehrpersonen nutzen KI derzeit vor allem für Planung und Organisation, während die Integration in den Unterricht häufig noch ausbleibt. Die grössten Hürden sind Unsicherheit über das Potenzial von KI, fehlende Kompetenzen, rechtliche und ethische Fragen sowie Zeitmangel in Betrieben und bei Lehrpersonen. Viele Unternehmen wissen noch nicht, wo KI wirklich relevant ist, und zögern deshalb mit Schulungen. Deshalb ist es wichtig, die Auseinandersetzung mit KI als einen kontinuierlichen Lernprozess zu betrachten.

Reicht das bestehende Ausbildungssystem aus, um mit der Geschwindigkeit technologischer Entwicklungen Schritt zu halten oder braucht es Anpassungen am Bildungssystem selbst?
In Zukunft wird es immer wichtiger, noch schneller auf technologische Entwicklungen zu reagieren und sicherzustellen, dass die Anpassungen schnell in Betrieben, Berufsfachschulen und bei Berufsbildner/innen ankommen. Das Schweizer Berufsbildungssystem ist diesbezüglich grundsätzlich gut aufgestellt. Es ist jedoch wichtig, dass die Berufsbildung weiter gestärkt wird, weil ihre grosse Stärke die hohe Anpassungsfähigkeit ist. Dies ist besonders wichtig für kleinere und mittlere Unternehmen, da die Berufsbildung der Stützpfeiler der Schweizer KMU-Wirtschaft ist. Die OdA als Bindeglied zwischen Arbeitsmarkt und Bildung leisten hier einen wichtigen Beitrag. Mit jährlich rund 140 Millionen Franken investieren sie kontinuierlich in die Weiterentwicklung der Berufsbildung.  Zudem sorgt die hohe Beteiligung an nicht-formalen Weiterbildungen dafür, dass neue Anforderungen rasch aufgenommen werden können. Dieser positive Effekt ist jedoch begrenzt, da vor allem Personen mit einem Tertiärabschluss an Weiterbildungen teilnehmen.

Wie wird die digitale Transformation und KI unser Bildungssystem im Allgemeinen verändern?
Die digitale Transformation, insbesondere durch KI, beschleunigt den Wandel so stark, dass die Berufsbildung aufgrund ihrer hohen Flexibilität zum zentralen Bildungsthema des 21. Jahrhunderts wird.  Besonders die höhere Berufsbildung wird noch wichtiger werden, da sie tertiäre Qualifikation mit Soft Skills und Praxiserfahrung verbindet. Das ist eine Kombination, die der Arbeitsmarkt zunehmend verlangt und Absolvent/innen einen besonders hohen Arbeitslosigkeitsschutz bietet. Hochschulabsolvent/innen haben oft weniger Praxiserfahrung, weshalb ihre Arbeitslosigkeit wohl zuletzt gestiegen ist. KI könnte diese Lücke weiter vergrössern, falls Hochschulen nicht zunehmend praxisnäher und berufsbegleitender werden.

Was heisst das konkret?
Ein zukunftsfähiges Bildungssystem kann nicht auf einen einzigen Weg setzen. Vielmehr fördert gerade eine Durchmischung der Belegschaft mit unterschiedlichen Bildungsabschlüssen die Innovationsfähigkeit eines Unternehmens besonders. Entscheidend bleibt zudem die Durchlässigkeit des Bildungssystems: Wer eine Lehre absolviert, soll später weiterhin den akademischen Weg wählen können und umgekehrt. Dabei wird auch die Anerkennung bestehender Bildungsleistungen wichtiger, um Auf- und Umsteigemöglichkeiten zu vereinfachen.

Wo sehen sie weitere technologische Entwicklungen, welche die Arbeitswelt verändern werden in den kommenden Jahrzehnten?
Viele KI-Expert/innen sagen, dass KI kurzfristig überschätzt und langfristig unterschätzt wird. Aktuell verändert sie vor allem, wie wir arbeiten, nicht ob wir arbeiten. Künftig könnten sich Tätigkeiten noch weiter weg vom reinen Ausführen hin zu Überwachen und Entscheiden entwickeln. Natürlich wird auch über sehr weitreichende Szenarien diskutiert, etwa über Artificial General Intelligence oder Artificial Super Intelligence. Sollte es jemals so weit kommen, würde das unsere Vorstellung von Arbeit grundsätzlich verändern. Aber gerade dann bleibt Bildung zentral, um Technologie zu verstehen, kritisch zu hinterfragen und verantwortungsvoll zu nutzen.

Lena Dändliker…

Lena Dändliker ist Direktorin des Swiss Education Lab an der Professur für Bildungssysteme der ETH Zürich, ein Forschungslabor für die digitale Transformation und deren Auswirkungen auf das Bildungssystem in der Schweiz. In ihrer Rolle verbindet die 31-Jährige Bildungspolitik, Praxis und Technologieentwicklung mit besonderem Fokus auf Berufsbildung, Digitalisierung und neue Kompetenzen. Sie arbeitet an der Schnittstelle von Bildungsinstitutionen, Wirtschaft und öffentlicher Hand und verfügt über umfassende Erfahrung in der Begleitung systemischer Veränderungen im Schweizer Bildungssystem im Zuge der digitalen Transformation.


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