Berufsbildung bleibt eine Stärke – steht aber vor Herausforderungen
21.09.2026
Die Berufsbildung bleibt ein zentraler Pfeiler des Schweizer Bildungssystems. Gleichzeitig steht sie vor Herausforderungen: sinkende schulische Kompetenzen, demografische Veränderungen und die wachsende Konkurrenz allgemeinbildender Bildungswege. Bildungsökonom Stefan Wolter ordnet die wichtigsten Erkenntnisse des Bildungsberichts Schweiz 2026 ein und zeigt auf, wo Graubünden besonders gut dasteht.
Stefan Wolter, was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Erkenntnis des neuen Bildungsberichts im Hinblick auf die Berufsbildung?
Die Berufsbildung bleibt ein zentraler Pfeiler des Schweizer Bildungssystems. Gleichzeitig verliert sie gegenüber allgemeinbildenden Bildungswegen weiter leicht an Attraktivität, obwohl ihre Arbeitsmarkterträge und die Durchlässigkeit in tertiäre Ausbildungen unverändert hoch sind. Aber es bestehen auch grosse Herausforderungen. Diese sind einerseits demografischer Natur und haben andererseits mit dem sinkenden schulischen Niveau der Schulabgänger zu tun.
Was hat Sie persönlich bei den Ergebnissen am meisten überrascht?
Eigentlich schliesst mein letzter Satz in meiner Antwort auf die erste Frage diese bereits mit ein. Wirklich überrascht worden sind wir aber alle vom extrem starken und schnellen Geburtenrückgang seit dem kleinen Ausreisser 2021 nach Corona. Die Berufsbildung wird davon zwar erst etwa Mitte der 30er-Jahre betroffen sein, aber die Volksschule muss sich schon jetzt auf schrumpfende Schülerjahrgänge einstellen.
Wenn Sie den Zustand der Berufsbildung in drei Sätzen beschreiben müssten – welche wären das?
Die Berufsbildung funktioniert insgesamt sehr gut. Ihre Absolventinnen und Absolventen sind auf dem Arbeitsmarkt stark nachgefragt. Gleichzeitig nehmen die Konkurrenz durch allgemeinbildende Bildungswege und die Anforderungen an die Betriebe zu.
Vor drei Jahren stellte der Bildungsbericht fest, dass die berufliche Grundbildung gegenüber allgemeinbildenden Wegen an Attraktivität verliert. Hat sich dieser Trend seither fortgesetzt?
Ja. Der Anteil der Jugendlichen, die allgemeinbildende Ausbildungen wählen, ist weiter gestiegen, während die berufliche Grundbildung umgekehrt an Bedeutung verloren hat. Die letzten Statistiken weisen aber darauf hin, dass der Rückgang abgebremst wurde. Ob sich das System nun stabilisiert, muss sich aber erst noch zeigen.
Welche Gründe sehen Sie für diese Entwicklung?
Der Bildungsbericht verweist auf einzelne mögliche Erklärungen, aber es ist schwierig, eine einzige zu benennen. Ausschlaggebend sind einerseits die veränderten Bildungsaspirationen. Immer mehr Eltern haben nun selbst einen Hochschulabschluss und wünschen sich Gleiches für ihre Kinder. Daneben spielen die demografischen Veränderungen eine Rolle. In den letzten Jahren ging die Zahl der Schulabgänger zurück, und in der Vergangenheit haben es vollschulische Programme immer geschafft, in solchen Zeiten ihre absoluten Schülerzahlen zu halten – zum Leidwesen der dualen Berufsbildung.
Wo steht Graubünden gut da und wo weniger gut, was die Berufsbildung anbelangt?
Aus der Vogelperspektive betrachtet steht der Kanton Graubünden überdurchschnittlich gut da. Er gehört zu den drei Kantonen, in denen zwischen 2014 und 2022 die berufliche Grundbildung gegenüber den anderen Bildungstypen keinen Rückgang erleiden musste, und er ist auch in der oberen Hälfte der Kantone, was den direkten Übertritt aus der obligatorischen Schule in die Sekundarstufe II anbelangt. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass die Ausgangslage in der obligatorischen Schule sehr gut ist. Wenn man die Zusammensetzung der Bevölkerung eines Kantons berücksichtigt, dann hatte der Kanton Graubünden 2023 in der nationalen Lernstandserhebung (ÜGK) den tiefsten Anteil an Schülerinnen und Schülern, die zu den 20 Prozent der schlechtesten Schülerinnen und Schüler des Landes gehören, und spiegelbildlich den höchsten Anteil, der zu den besten 20 Prozent des Landes gehört.
Wie gut gelingt der Übergang von der obligatorischen Schule in eine berufliche Grundbildung?
Der Übergang gelingt der grossen Mehrheit der Jugendlichen gut. Das muss auch einmal gesagt werden. Schwierigkeiten konzentrieren sich auf Jugendliche mit schwächeren schulischen Leistungen oder aber auch mit Persönlichkeitseigenschaften, die einen reibungslosen Übertritt in eine Berufslehre erschweren. Erfreulich ist, dass in den meisten Kantonen die Zahl der Jugendlichen, die nach der Volksschule ein Zwischenjahr einlegen, rückläufig ist. Sorgen bereitet mir aber die Beobachtung aus dem Nahtstellenbarometer des SBFI, dass jene Jugendlichen, die ein Zwischenjahr machen, immer häufiger entweder keinen Grund hierfür angeben können oder wollen und zudem eine stark gestiegene Zahl der Jugendlichen als Grund angibt, dass sie nach der obligatorischen Schule nun eine Auszeit benötigen.
Wie erfolgreich sind Brückenangebote?
Brückenangebote sehen wir sehr kritisch, darauf hatten wir schon im Bildungsbericht 2023 hingewiesen. So sinnvoll sie in einzelnen Fällen auch sein mögen, erhöhen sie im Durchschnitt weder die Chancen auf eine anspruchsvollere Lehrstelle noch auf einen erfolgreichen Abschluss. Einzig und allein die Zahl der Repetitionen oder Lehrberufswechsel kann nach einem Brückenangebot leicht gesenkt werden. Am Schluss bleibt aber immer noch die verlängerte Zeit bis zum nachobligatorischen Bildungsabschluss, und man darf sich fragen, ob die Zeit und die öffentlichen Mittel in Brückenangeboten sinnvoll eingesetzt werden.
Welche Gründe führen besonders häufig zu Lehrabbrüchen?
Lehrabbrüche entstehen aus den unterschiedlichsten Gründen. Man muss aber deutlich zwischen Lehrvertragsauflösungen, die sehr häufig vorkommen, und definitiven Lehrabbrüchen, die zum Glück deutlich weniger häufig vorkommen, unterscheiden. Letztere haben meistens ihre Ursache in einer ungenügenden Passung zwischen Lernenden und Beruf beziehungsweise Lehrbetrieb sowie in schulischen Schwierigkeiten.
Was müsste getan werden?
So wie es eben nicht einen, sondern sehr viele Gründe für Lehrabbrüche gibt, müssen auch sehr viele Massnahmen gleichzeitig ins Auge gefasst werden. Eine sorgfältige Berufswahl, realistische Erwartungen sowie eine gute Begleitung der Lernenden und der Betriebe sind aber die wirksamsten Ansatzpunkte.
Der Bildungsbericht weist auf einen deutlichen Rückgang der schulischen Kompetenzen hin. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Der Rückgang der Grundkompetenzen ist besorgniserregend, weil er sowohl den Einstieg in anspruchsvolle Berufslehren erschwert als auch generell die Wahrscheinlichkeit verringert, eine Lehre erfolgreich bestehen zu können. Bislang haben die Firmen teilweise noch unglaubliche Anstrengungen unternommen, um diese Kompetenzdefizite zu kompensieren, beispielsweise durch eigene Nachhilfeangebote im Betrieb. Es stellt sich aber die Frage, ob in den kommenden Jahren, wenn es wieder deutlich mehr Lehrstellensuchende gibt, diese Bereitschaft, schulische Defizite auszugleichen, immer noch da sein wird.
Welche Ursachen sehen Sie für diesen Kompetenzverlust?
Der Kompetenzverlust betrifft ja nicht nur die Schweiz, sondern ist ein globales Phänomen. Entsprechend sucht man überall, praktisch auf der ganzen Welt, nach den Ursachen. Einige Ansatzpunkte gibt es zwar aus der Forschung, aber auch hier, wie fast überall, wird es verschiedene Gründe geben und nicht eine einzige Ursache. Entsprechend schwierig wird es auch sein, das Ruder wieder herumzureissen.
Wie hat sich die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen entwickelt?
Die Ausbildungsbereitschaft bleibt insgesamt hoch, was angesichts der langanhaltenden guten Konjunktur und auch der vielen in Rente gehenden Arbeitnehmer einfach zu erklären ist. Trotzdem müssen wir uns bewusst sein, dass in den letzten Jahren die Zahl der Ausbildungsbetriebe stetig abgenommen hat. Nicht wegen einer sinkenden Ausbildungsbereitschaft der Betriebe, sondern wegen der fehlenden Jugendlichen. Jetzt, wo die Demografie gekehrt hat, müssten viele dieser ehemaligen Ausbildungsbetriebe wieder in die Ausbildung zurückgebracht werden, und das wird nicht so einfach sein, da die Wiedereinstiegskosten bei langer Abwesenheit vom Ausbildungsmarkt sehr hoch sein können. Dies hat damit zu tun, dass die Ausbildungspläne ständig den neuen Gegebenheiten des Arbeitsmarktes und der Technologie angepasst werden müssen. Ein Betrieb, der bis vor ein paar Jahren noch in einem bestimmten Beruf ausgebildet hat, sieht sich heute vielleicht schon mit einem ganz anderen Berufsbild konfrontiert.
Welche Ratschläge haben Sie für Eltern und Lehrpersonen?
Grundsätzlich ist es nicht an mir, Ratschläge zu erteilen. Wichtig scheint mir aber schon, dass Eltern und Lehrpersonen den Jugendlichen nicht den einfachen Ratschlag geben, das zu tun, wonach ihnen gerade der Sinn steht. Das kann schnell in Misserfolgen und Schul- oder Lehrabbrüchen enden. Es ist wichtig, dass Jugendliche ihre Stärken und Kompetenzen realistisch erfassen können, und Lehrer, Berufsberater, Firmen und Eltern sollten dann darauf achten, dass die Passung zwischen Anforderungen und individuellen Stärken und Schwächen möglichst gut ist. Eine fehlende Passung, also ein sogenannt schlechter «Match», ist sehr häufig die Ursache für späteren Misserfolg in der Bildungslaufbahn und im Arbeitsmarkt.
Wie durchlässig ist das Schweizer Bildungssystem nach Abschluss einer Berufslehre tatsächlich?
Die Durchlässigkeit gehört zu den grossen Stärken des Schweizer Bildungssystems, und zwar praktisch und nicht nur auf dem Papier. Ohne Durchlässigkeit wäre auch die Berufsbildung schwach, da sie in Bezug auf die Bildungslaufbahn eine Sackgasse darstellen würde und somit gerade für leistungsfähige Jugendliche keine valable Alternative wäre. Jugendlichen, die talentiert sind, steht nach der Berufslehre alles offen: von der Berufsmaturität zur Fachhochschule oder über die Passerelle zur Universität oder ETH. Aber auch ohne Maturität ist der Weg in die tertiäre Bildung offen, sei es direkt über die höheren Fachschulen oder nach Jahren der praktischen Erfahrung über Abschlüsse der höheren Berufsbildung.
Wie schätzen Sie die Rolle der Berufsmaturität ein?
Die Berufsmaturität ist das wichtigste Bindeglied zwischen Berufsbildung und Hochschulen und stärkt die Durchlässigkeit erheblich. Ohne die Schaffung der Berufsmaturität in den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts gäbe es die Berufsbildung, wie wir sie heute noch kennen, in der Schweiz wohl nicht mehr. Seit ein paar Jahren stagnieren zwar die Zahlen der Absolventinnen und Absolventen der Berufsmaturität, und sie wird heute auch mehrheitlich nach der Lehre und nicht während der Lehre erworben. Aber das sind Entwicklungen, die, wenn auch nicht ausschliesslich, so doch mehrheitlich von den Jugendlichen selbst bestimmt werden, und da kann der Staat wenig tun. Hingegen können die Firmen sehr wohl Zeichen setzen, wenn sie der Meinung sind, dass zu wenige Jugendliche eine Berufsmaturität in Angriff nehmen.
Wie beurteilen Sie die aktuelle Entwicklung der Höheren Berufsbildung?
Die Höhere Berufsbildung ist und bleibt ein wichtiger Bestandteil der Fachkräftequalifizierung. Sie ist vor allem auch deshalb wichtig, weil sie praktisch allen Menschen unabhängig von ihrem Lehrberuf oder Bildungsweg die Türen zur Tertiärstufe offen hält. Im Bildungsbericht zeigen wir auch, dass der Lohnanstieg bei einem Abschluss der Höheren Berufsbildung auch bei Berufen mit mittleren oder eher tiefen schulischen Anforderungen ähnlich hoch ausfällt wie in den Fällen, bei denen vorgängig ein Lehrabschluss in einem anspruchsvollen Beruf vorlag. Die Höhere Berufsbildung ist somit der zentrale Baustein in unserem Bildungswesen, der garantiert, dass möglichst viele von weiterführenden Bildungsoptionen profitieren können.
Ist die Berufsbildung ausreichend auf Digitalisierung und KI vorbereitet?
Im Bildungsbericht können wir das nicht beantworten. Seit der Lancierung von ChatGPT sind erst knapp vier Jahre vergangen, wenn man diese als Ausgangspunkt nimmt. Natürlich gab es KI schon vorher, aber ohne Breitenwirkung auf Arbeitsmarkt und Gesellschaft. Ob die Berufsbildung ausreichend auf die KI vorbereitet ist, hängt davon ab, wie gut und wie schnell sich die Ausbildungsinhalte laufend an die neuen Kompetenzanforderungen der Berufe anpassen. Weil die Berufsbildung aber in der betrieblichen Realität des Arbeitsmarktes fest verankert ist, wird die Anpassungsgeschwindigkeit in der Berufsbildung eher schneller sein als in der Allgemeinbildung.
Welche Reformen braucht die Berufsbildung am dringendsten?
Ich sehe keine grossen Reformen, welche die Berufsbildung brauchen würde. Der Vorteil des schweizerischen Berufsbildungssystems ist es ja gerade, dass die Reformen laufend und zielgruppenspezifisch in den einzelnen Berufen selbst initiiert und umgesetzt werden können. Solange diese Flexibilität besteht, wird es auch selten grossen Reformen im System brauchen.

