«Bündnerinnen und Bündner, die an der FHGR studieren, bleiben häufig im Kanton»
05.10.2026
Praxisorientierte Studien und angewandte Forschung verbinden Berufswelt und Wissenschaft. Gian-Paolo Curcio erläutert im Interview, welche Rolle die FH Graubünden für den Bildungs- und Wirtschaftsstandort spielt und welche Perspektiven sie Berufsleuten eröffnet.
Gian-Paolo Curcio, schauen wir zuerst zurück. Wie hat sich die FHGR in den letzten 25 Jahren entwickelt?
Fachhochschulen sind in der Schweizer Bildungslandschaft eine vergleichsweise junge Erfindung. Bis in die 1990er-Jahre kannte die Schweiz vor allem zwei Bildungswege: den zahlenmässig eher kleinen gymnasialen Weg über die Matura an die Universität – und einen deutlich grösseren Bereich der Berufsbildung, der zwar exzellente Fachleute hervorbrachte, aber ohne direkten Zugang zu einem Hochschulabschluss blieb. Das änderte sich 1995, als das eidgenössische Fachhochschulgesetz verabschiedet wurde. Einige der rund 70 höheren Fachschulen wurden zu sieben Fachhochschulen zusammengeführt – ein Prozess, der föderalistisch geprägt war und keineswegs überall auf offene Türen stiess. Ziel war es, die Innovationskraft der Schweizer Wirtschaft zu steigern, den Wissens- und Technologietransfer zu stärken und die angewandte Forschung zu etablieren. Ein Jahr zuvor, 1994, war mit der Berufsmaturität bereits das Fundament dafür gelegt worden: ein eigenständiger Zugang zur Tertiärstufe, der direkt aus der beruflichen Grundbildung herausführt. Die Fachhochschulen bilden zusammen mit den universitären Hochschulen und den Pädagogischen Hochschulen die drei gleichwertigen, aber andersartigen Hochschultypen der Schweiz. Drei Wege, ein Ziel – akademisch fundierte Bildung auf höchstem Niveau, aber mit unterschiedlichem Ausgangspunkt und unterschiedlichem Wissenschaftskulturen. Die Universitäten sind primär grundlagenorientiert. Die Fachhochschulen sind es, die den Anspruch der Wissenschaftlichkeit mit einem zweiten Anspruch verbinden, nämlich mit der unmittelbaren Anwendbarkeit.
Können Sie das konkretisieren?
Die Erfolgsgeschichte der heutigen FH Graubünden beginnt 1963 mit der Gründung des Abendtechnikums Chur. Hintergrund war der grosse Mangel an Technikern und Ingenieuren in Graubünden. Die Ausbildung war berufsbegleitend und wurde stark von der regionalen Wirtschaft unterstützt, insbesondere von den damaligen Emser Werken. Das Abendtechnikum wird vom Bund 1972 als Höhere Technische Lehranstalt (HTL) anerkannt. Damit erhält die Schule einen offiziell anerkannten Status als höhere technische Ausbildungsstätte. Neben dem Fachbereich Technik wird das Ausbildungsangebot 1988 um den Fachbereich Wirtschaft erweitert. Die technischen und wirtschaftlichen Bereiche werden 1991 organisatorisch getrennt. Aus der technischen Schule entwickelt sich die HTA Chur (Hochschule für Technik und Architektur), während die wirtschaftliche Ausbildung als HWV Chur (Höhere Wirtschafts- und Verwaltungsschule) weitergeführt wird. Im Zuge der schweizweiten Neuordnung der Hochschullandschaft 1997 werden die Schulen in die neue Fachhochschulstruktur überführt. Die HTL wird zur HTA Chur; gleichzeitig kommen neue Hochschulangebote hinzu, etwa in Bau, Architektur und Informatik/Information sowie Dokumentation. Die Hochschule für Technik und Architektur (HTA) und die Hochschule für Wirtschaft und Tourismus (HWT) werden im Jahr 2000 zur Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW Chur zusammengeführt. Die HTW wird Teil der Fachhochschule Ostschweiz (FHO). Die HTW Chur entwickelt sich von der klassischen Technik- und Wirtschaftshochschule zu einer deutlich breiten aufgestellten Fachhochschule. Dazu kommen unter anderem Angebote in Tourismus, Medien, Informationswissenschaft, Informatik und weiteren Bereichen. Die HTW wird 2018 institutionell als Fachhochschule akkreditiert. Im Jahr 2019 wird aus der HTW Chur offiziell die FH Graubünden, sie ist seit dem 1. Januar 2020 die achte selbständige Fachhochschule nach öffentlichem Recht in der Schweiz. Heute studieren an der FH Graubünden rund 2000 Menschen in einem der insgesamt 22 Bachelor- und Masterstudiengängen, weitere rund 500 Berufsleute besuchen eine der rund 35 Angebote der akademischen Weiterbildung (Zertifikatslehrgänge, CAS, DAS, MAS und EMBA). An der FH Graubünden arbeiten über 330 festangestellte Personen. In der Lehre werden sie zusätzlich von rund 500 Lehrbeauftragten aus der Praxis unterstützt.
Was sind die aktuellen Herausforderungen?
Unsere Welt verändert sich rasch und tiefgreifend. Wesentliche Treiber sind der Klimawandel, der demografische Wandel und der technologische Wandel. Die beobachteten Effekte verlaufen geografisch nach unterschiedlichen Mustern und beschleunigen sich gegenseitig. Die daraus entstehenden Fragen und Problemstellungen verlangen nach Antworten und Lösungen. Die erste Herausforderung liegt darin, genügend motivierte, talentierte und kompetente Menschen für ein Studium an der Fachhochschule zu gewinnen, die in der Lage sind, neuartige, fortschrittliche und verantwortungsvolle Lösungen für anspruchsvolle Aufgaben und Probleme zu entwickeln. Die zweite Herausforderung besteht darin, die Studentinnen und Studenten auf eine Zukunft vorzubereiten, die wir heute nicht kennen und im besten Fall nur erahnen können. Die Nutzung neuer Technologien, wie beispielsweise Künstliche Intelligenz, verlangt nicht nach weniger, sondern nach mehr menschlicher Intelligenz. Die dritte Herausforderung besteht in der Finanzierung der Hochschule. Der Bund kürzt mit dem Entlastungspaket die Beiträge an die kantonalen Hochschulen und denkt sogar im Rahmen der Entflechtung über einen vollumfänglichen Rückzug aus der Finanzierung der kantonalen Hochschulen nach. Die Kantone zeigen keine Absicht, diese Ertragsausfälle zu kompensieren. Die Hochschulen müssen Lösungen finden. Die Erhöhung der Studiengebühren kommt für die FH Graubünden aus verschiedenen Gründen vorerst nicht in Frage.
Viele Bündner Unternehmen kämpfen mit dem Fachkräftemangel. Welchen Beitrag leistet ihre Organisation für die Aus- und Weiterbildung, damit Fachkräfte in Graubünden ausgebildet werden und möglichst auch im Kanton bleiben?
Die FH Graubünden bietet insgesamt 15 Bachelor- und 7 Masterstudiengänge in den Fachbereichen «Technik und Informatik», «Wirtschaft und Dienstleistungen», «Architektur, Bau- und Planungswesen» und «Gesundheit» an. Mit rund 35 Lehrgängen der akademischen Weiterbildung spezialisieren wir rund 500 Menschen pro Jahr. Wir arbeiten eng mit der Wirtschaft zusammen. Mit jährlich rund 500 Abgängerinnen und Abgängern leisten wir einen wesentlichen Beitrag, den Fachkräftemangel im Kanton Graubünden zu beheben. Die Behebung des Fachkräftemangels ist als gesamtgesellschaftliches Problem zu betrachten. Faktoren wie beispielsweise genügend bezahlbarer Wohnraum, konkurrenzfähige Schulen, ein kulturell vielfältiges Angebot, attraktive Arbeitsbedingungen sowie eine funktionierende gesellschaftliche Integration sind von nicht zu unterschätzender Bedeutung.
Wie zeigt sich dies zahlenmässig?
Bündnerinnen und Bündner, die an der FHGR studieren, bleiben häufig im Kanton – fünf Jahre nach Abschluss arbeiten 51 % in Graubünden, 60 % wohnen hier.
Auch ein Teil der ausserkantonalen Absolventinnen und Absolventen der FH Graubünden bleibt nach dem Studium in Graubünden, sowohl als Arbeitskräfte als auch als Einwohnerinnen und Einwohner. Von den ausserkantonalen Studierenden arbeiten nach einem Jahr 12% und nach fünf Jahren 8% im Kanton Graubünden. Bündnerinnen und Bündner mit ausserkantonalem FH-Studium kehren ebenfalls zurück. Fünf Jahre nach Abschluss arbeiten 41 % und wohnen 52 % wieder in Graubünden.
Die FH Graubünden und die ibW decken unterschiedliche Bereiche der Aus- und Weiterbildung ab. Was sind die Unterschiede zwischen den beiden Bildungsinstitutionen?
Die Unterschiede liegen insbesondere a) im Auftrag, b) der Positionierung und c) beim Zugang. Zu a): Die Fachhochschule verfügt über einen vierfachen Leistungsauftrag, bestehend aus Forschung, Lehre, Weiterbildung und Dienstleistung. Die HBB hat keinen Forschungsauftrag. Zu b): Die Fachhochschulen bereiten durch praxisorientierte Studien und durch anwendungsorientierte Forschung und Entwicklung auf berufliche Tätigkeiten vor, welche die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse und Methoden erfordern. Und zu c): Der Zugang zu den Fachhochschulen erfolgt über die Berufsmaturität und in Einzelfällen über die gymnasiale Maturität, wohingegen der Zugang zur HBB in der Regel über das EFZ erfolgt.
Wie bereits erwähnt, basiert das Schweizer Bildungssystem auf trennscharfen Profilen bei gleichzeitig hoher Durchlässigkeit. Werden diese trennscharfen Profile verwischt, führt das zu weniger Fokus und insbesondere in Bezug auf die Forschungsinfrastrukturen und die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses zu massiv höheren Kosten.
Wo gibt es Gemeinsamkeiten und wo sehen Sie Potenzial für eine noch engere Zusammenarbeit?
Die Profile und die Foki der ibW und der FH sind zu erhalten und die Durchlässigkeit zwischen den beiden Institutionen ist, sofern rechtlich zulässig, zu erhöhen. Dies erfordert in erster Linie mehr Sichtbarkeit der beruflichen Laufbahnen oder gemeinsame Angebotsplattformen. Insbesondere beim zweiten Aspekt besteht Potenzial für eine noch engere Zusammenarbeit, und zwar in Bezug auf die grundständigen Studiengänge (Bachelor- und Master) als auch bei der akademischen Weiterbildung.
Gerade für KMU ist entscheidend, dass Aus- und Weiterbildungen praxisnah sind. Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Bildungsangebote tatsächlich den Bedürfnissen der Bündner Unternehmen entsprechen?
Die FH Graubünden überprüft ihre Angebote laufend mittels externen und internen Assessments. Dazu setzt sie unter anderem Fachbeiräte ein, deren Mitglieder direkt aus kantonalen, nationalen oder auch internationalen Unternehmen stammen. Im Bereich der Bachelor- und Masterstudiengänge zeichnet sich eine Renaissance des dualen Studiums ab. Diese Form des Studiums basiert auf zwei Lernorten, dem Unternehmen und der Hochschule, wobei verschiedene Module und Arbeiten in direktem Zusammenhang mit dem Betrieb stehen.
Im Bereich der akademischen Weiterbildung zeichnet sich zurzeit ein Trend hin zu kleineren Angeboten, auf den Bedarf der Unternehmen ausgerichtete Formate ab. Mit solchen «Microcredentials» werden massgeschneiderte Angebote für einzelne Unternehmen oder Unternehmensbereiche entwickelt.
Wie wichtig ist die direkte Zusammenarbeit mit den Unternehmen bei der Entwicklung neuer Bildungsangebote? Und wie können sich gerade KMU stärker in die Aus- und Weiterbildung einbringen?
Studiengänge in der Aus- und Weiterbildung können nicht losgelöst von wirtschaftlichen Überlegungen und strukturellen Vorgaben entwickelt und durchgeführt werden. Als Fachhochschule sind wir verpflichtet, mit unseren Mitteln wirtschaftlich und sparsam umzugehen. Entsprechend entscheidet die Nachfrage über das Angebot. Natürlich kann es sein, dass es wichtig wäre, für bestimmte Themen einen Studiengang anzubieten. Weil die Finanzierung der Fachhochschulen sich deutlich von jener der Universitären Hochschulen unterscheidet, führen wir jene Angebote durch, in denen der erforderliche Kostendeckungsgrad erreicht werden kann. Mit den bereits erwähnten «Microcredentials» kann sich ein Unternehmen direkt in die Entwicklung und die Umsetzung von massgeschneiderten Angeboten einbringen.
Arbeitswelt verändert sich rasant. Welche Fähigkeiten und Kompetenzen werden für Fach- und Führungskräfte in den kommenden Jahren besonders wichtig?
Künstliche Intelligenz verändert bereits heute zahlreiche Berufsbilder. Wie stark beeinflusst KI die Aus- und Weiterbildung an Ihren Institutionen?
Die so genannte «Künstliche Intelligenz» als Teil des technologischen Wandels verändert insbesondere mit der Erhöhung der Leistungsfähigkeit der Computer die Gesellschaft tiefgreifend. Der Einsatz der neuen Technologien finden um Hochschulumfeld eine Art «natürliches Habitat». Wenn nun aber klassische Seminararbeiten von Studierenden mit ChatGPT oder Claude erstellt wird und diese mit denselben Technologien seitens der Dozierenden korrigiert wird, sind wir definitiv beim pädagogischen Nonsens angelangt. Konsequenterweise stellen diese Entwicklungen neue Herausforderungen an die Hochschuldidaktik. Die Lehre an Hochschulen wird sich in den nächsten Jahren fundamental verändern. In den meisten Fachbereichen der Fachhochschulen wird die Projektarbeit mit hoher Wahrscheinlichkeit eine zentrale Funktion einnehmen. Das Ziel der Hochschullehre bleibt die Befähigung von Menschen, Antworten und Lösungen auf Aufgaben und Probleme der Zukunft zu entwickeln. Dazu benötigt es nach wie vor hohe Fach-, Methoden-, Sozial- und Selbstkompetenzen. Die Vorstellung, dass Fachkräfte in Zukunft anstelle von fundierten Fachkompetenzen ausschliesslich Querschnittskompetenzen benötigen, greift dabei allerdings deutlich zu kurz.
KI verändert auch das lebenslange Lernen im beruflichen Umfeld. Non-formale und informelle Bildung dürfte wichtiger werden. Haben formale Abschlüsse wie die FHGR und ibW anbieten künftig noch den gleichen Stellenwert?
Der nationale Qualifikationsrahmen der Schweiz (nqf-ch) beinhaltet sowohl die formale (grundständige Lehr- und Studiengänge) als auch die nonformale Bildung (Weiterbildungslehr- und Studiengänge). Beide Formen ergänzen sich gegenseitig. Formale Bildung und deren Abschlüsse behalten auch künftig einen hohen Stellenwert. Ihre Formate werden sich in den nächsten Jahren aber stark verändern. Die nonformale Bildung wird die Bedeutung der formalen Bildung nicht mindern können. Entscheidend bleibt hingegen ihre Komplementarität mit Bezug auf die formale Bildung.
Welche anderen Veränderungen werden auf die Höhere Bildung zukommen?
Hochschulen sind nicht Selbstzweck. Sie stehen im Dienste der Gesellschaft. Entsprechend sind es die gesellschaftlichen Veränderungen, welche sich in der Hochschule spiegeln. Damit Hochschulen ihren Auftrag erfüllen können, benötigen Sie a) Offenheit gegenüber den erwähnten gesellschaftlichen Entwicklungen, b) Autonomie in der Ausübung ihres Auftrags sowie in Forschung und Lehre, und schliesslich c) ausreichende Ressourcen.
Blicken wir einige Jahre voraus: Wie wird sich die Aus- und Weiterbildungslandschaft in Graubünden bis 2040 verändern?
Das ist eine schwierige Frage. Wenn das Moorsche Gesetz unverändert zutrifft und sich die Anzahl Transitoren auf einer integrierten Schaltfläche alle anderthalb Jahre verdoppeln, werden wir in 14 Jahren eine andere Welt vorfinden als heute. Aus diesem Grund ist die Adaptionsfähigkeit des Menschen und damit die Aus- und Weiterbildung entscheidend.
Was müssen FH Graubünden und ibW tun, um darauf vorbereitet zu sein?
Um die Anschlussfähigkeit sicherstellen zu können, braucht es Fokus auf die jeweiligen Profile, eine hohe Durchlässigkeit zwischen den Profilen, eine hohe Bereitschaft zur Adaption und ein hohes Veränderungstempo.

