Das Handwerk als Fundament
21.09.2026
Vom Plattenleger zum «Mister SwissSkills»: Rico Cioccarelli hat sich während Jahrzehnten mit grossem Engagement für die Berufsbildung eingesetzt. Im Interview spricht er über seine Wurzeln im Handwerk, emotionale Momente an internationalen Berufswettbewerben, seine letzte Fiutscher und darüber, warum eine Berufslehre der Anfang eines erfolgreichen Lebenswegs sein kann.
Rico Cioccarelli, Sie haben Ihr Berufsleben als Plattenleger begonnen. Was hat Ihnen das Handwerk für Ihren weiteren Lebensweg mitgegeben – und was bedeutet Ihnen dieser Beruf heute noch?
Ich bin meinen Eltern bis heute sehr dankbar, dass sie mir bei der Berufswahl die Freiheit gelassen haben. Ich wusste schon mit 14 Jahren, dass ich Plattenleger werden wollte – und dieser Beruf hat mich wirklich erfüllt. Ich glaube, das war ein wichtiger Grundstein für meinen weiteren Weg. Was mir am Handwerk besonders gefallen hat, war, dass man am Ende des Tages sieht, was man geleistet hat. Man beginnt mit einem leeren Raum und am Abend ist etwas entstanden, das bleibt. Das gibt einem eine ganz besondere Zufriedenheit.
Was bleibt sonst noch?
Der Beruf hat mir aber auch Fähigkeiten mitgegeben, die mich weit über das Handwerk hinaus begleitet haben. Als Handwerker lernt man, selbstständig zu arbeiten, Lösungen zu suchen und auch dann weiterzumachen, wenn etwas nicht auf Anhieb funktioniert. Diese lösungsorientierte Haltung hat mir später bei vielen anderen Tätigkeiten sehr geholfen – besonders auch bei WorldSkills in meiner Aufgabe als technischer Delegierter von SwissSkills. Und ich bin auch dankbar, dass unser Schweizer Berufsbildungssystem solche Wege ermöglicht. Eine Berufslehre ist kein Endpunkt, sondern kann ein sehr guter Anfang sein. Für mich persönlich war die Lehre als Plattenleger genau das: ein Anfang, der mir viele Türen geöffnet hat. Und deshalb bedeutet mir dieser Beruf auch heute noch sehr viel.
Sie haben während Jahrzehnten junge Berufsleute an SwissSkills, WorldSkills und EuroSkills begleitet. Welche Begegnung oder welcher Moment ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben – und warum?
Es ist schwierig, eine einzelne Person oder einen einzelnen Moment herauszugreifen, denn ich durfte über die Jahre mehrere hundert wunderbare junge Berufsleute begleiten. Was mich immer wieder beeindruckt hat, sind diese jungen Menschen, die sich mit unglaublich viel Engagement vorbereitet, ihre Kompetenzen weiterentwickelt und dann für die Schweiz an einem Wettbewerb alles gegeben haben – wirklich bis zur letzten Sekunde. Wie emotional das Ende eines solchen Wettkampfs ist, kann man wahrscheinlich nur verstehen, wenn man es einmal live erlebt hat. In diesem Moment fällt die ganze Anspannung ab. Der Kandidat, der Experte, der ihn oder sie während Monaten begleitet hat, die Eltern und die Geschwister, der Arbeitgeber und oft auch die Arbeitskollegen – alle sind zutiefst berührt. Man sieht Stolz, Erleichterung und ganz oft Tränen in den Augen. Und genau dieser gemeinsame Moment nach all der Arbeit und Anspannung ist für mich etwas ganz Besonderes. Das sind unglaublich schöne und emotionale Momente. Und für mich steckt darin auch sehr viel Hoffnung. Wenn man diese jungen Menschen erlebt, die mit so viel Leidenschaft, Können und Einsatz an ihrer Zukunft arbeiten, dann kann man eigentlich nur optimistisch sein, was unsere Zukunft betrifft.
Sie werden oft als «Mister SwissSkills» bezeichnet. Was macht für Sie die Faszination der Berufswettbewerbe aus, und was können junge Berufsleute persönlich aus einer solchen Erfahrung mitnehmen?
Ich habe schon immer grosse Freude am Wettbewerb und einen gewissen Ehrgeiz gehabt. Ich messe mich gerne mit anderen und will immer mein Bestes geben – besonders bei Dingen, die mir wichtig sind. Ich bin überzeugt, dass unser Schweizer Berufsbildungssystem zu den besten der Welt gehört. Berufswettbewerbe geben uns die Möglichkeit, uns mit anderen Ländern zu messen. Aber mindestens genauso wichtig ist: Wir können von diesen Ländern lernen.
Nennen Sie ein konkretes Beispiel.
Das haben wir bei den Plattenlegern erlebt. Vor rund 20 Jahren haben wir bei internationalen Wettbewerben festgestellt: Wir arbeiten sehr präzise, schnell und sauber – aber bei der Kreativität können wir noch besser werden. Diese Erkenntnis ist direkt in die Weiterentwicklung unserer Ausbildung eingeflossen. Solche Erfahrungen sind für mich enorm wertvoll. Wir können unser System nicht nur dadurch verbessern, dass wir in die Schweiz schauen, sondern auch, indem wir sehen, was andere Länder anders oder vielleicht besser machen. Und für die jungen Berufsleute selbst ist ein solcher Wettbewerb eine riesige Chance. Ein aktuelles Beispiel sind zwei junge Bündner Automatiker, die dieses Jahr in Shanghai im Schweizer Nationalteam dabei sind. Sie bereiten sich seit Monaten intensiv vor und werden von sehr guten Fachleuten weitergebildet. Gleichzeitig erhalten sie über SwissSkills Zugang zu Medientraining, Mental Coaching und vielen weiteren Angeboten, die ihnen auch im späteren Berufsleben helfen werden. Und dann kommt noch etwas ganz Wichtiges dazu: ihr Netzwerk. Sie lernen unglaublich viele Menschen kennen – aus ihrem Beruf, aus anderen Berufen und aus anderen Ländern. Das ist eine Erfahrung, die sie persönlich und beruflich noch viele Jahre weiterbringen wird. Genau das fasziniert mich an den Berufswettbewerben: Es geht nicht nur um Medaillen. Es geht um Entwicklung, um Lernen, um Begegnungen – und letztlich darum, jungen Menschen eine Plattform zu geben, auf der sie über sich hinauswachsen können.
Sie waren seit der Gründung der Fiutscher dabei. Vom 11. bis 15. November erleben Sie Ihre letzte Fiutscher in dieser Funktion. Mit welchen Gefühlen gehen Sie in diese Ausstellung – und worauf sind Sie besonders stolz, wenn Sie auf die Entwicklung zurückblicken?
Ich gehe mit sehr gemischten Gefühlen an meine letzte Fiutscher. Einerseits bin ich natürlich ein bisschen wehmütig. Gleichzeitig bin ich aber vor allem sehr stolz und dankbar, dass wir dieses Projekt im Bündner Gewerbeverband starten und über die Jahre weiterentwickeln konnten. Am Anfang war es gar nicht so einfach, alle Regionen in Graubünden davon zu überzeugen, dass Fiutscher einen Mehrwert für uns alle bringen würde. Es gab teilweise auch die Befürchtung, dass die Ausstellung die regionalen Berufsmessen ersetzen könnte. Heute wissen wir: Genau das Gegenteil ist der Fall. Fiutscher ist eine Ergänzung und gibt uns die Möglichkeit, die ganze Vielfalt der Berufe und der Berufsbildung in Graubünden sichtbar zu machen.
Sprechen Sie weiter.
Ein besonderes Highlight für mich ist es, zu sehen, wie viele Schulklassen diese Möglichkeit nutzen. Die meisten Klassen aus Graubünden kommen nach Chur und können hier die verschiedenen Berufe kennenlernen – mit einem kostenlosen Transport mit der RhB und einem Mittagessen. Das klingt vielleicht nach einem kleinen Detail, aber für eine Schulklasse aus einer abgelegenen Region kann genau das entscheidend sein.Ich habe über die Jahre immer wieder Eltern und Oberstufenlehrpersonen erlebt, die sich bei uns dafür bedankt haben, dass es diese Möglichkeit in Graubünden gibt. Die Berufswahl ist für viele Jugendliche und ihre Familien eine grosse Herausforderung. Und genau deshalb ist es mir wichtig, dass die Berufsbildung die Bühne bekommt, die sie verdient. Wenn ich zurückblicke, macht mich das sehr stolz. Und traurig bin ich eigentlich nicht. Der Bündner Gewerbeverband hat ein tolles Team, und ich bin überzeugt, dass meine Nachfolgerin oder mein Nachfolger diese Aufgabe mit genauso viel Energie und Begeisterung weiterführen wird. Für mich ist das auch ein schöner Gedanke: Ich gebe etwas weiter, an dem ich mitarbeiten durfte, und weiss, dass es weitergeht. Das ist eigentlich ein sehr gutes Gefühl.
Mit Ihrem Rücktritt aus dem Leitenden Ausschuss des Bündner Gewerbeverbandes geht ein weiteres langjähriges Kapitel zu Ende. Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Bündner Berufsbildung – und welchen Rat möchten Sie jungen Menschen mitgeben, die heute vor der Berufswahl stehen?
Für die Zukunft wünsche ich mir vor allem eines: mehr Jugendliche in der Berufsbildung. Ich wünsche mir, dass noch mehr Eltern erkennen, dass ihre Kinder wahrscheinlich glücklicher und erfolgreicher sein werden, wenn sie eine Ausbildung wählen, die sie wirklich motiviert und die zu ihnen passt. Heute kann man wirklich nicht mehr sagen, dass man weniger erfolgreich ist, wenn man eine Berufslehre macht. Im Gegenteil: Die Berufsbildung eröffnet unglaublich viele Möglichkeiten. Man kann sich weiterentwickeln, Weiterbildungen machen, studieren und sehr weit kommen. Wichtig ist, dass man seinen eigenen Weg findet. Und dafür wünsche ich mir, dass die Jugendlichen ihre Berufswahl möglichst selbst treffen können. Natürlich brauchen sie dabei Unterstützung von ihren Eltern, aber auch von den Lehrpersonen. Deshalb ist es so wichtig, dass Lehrpersonen unser Berufsbildungssystem gut kennen und den Jugendlichen auch die verschiedenen Möglichkeiten aufzeigen können.
Zum Schluss haben Sie noch ein Wunsch frei.
Der Bündner Gewerbeverband setzt sich seit vielen Jahren dafür ein, die Berufsbildung zu stärken und ihr die Aufmerksamkeit zu geben, die sie verdient. Mein Wunsch an alle, die in diesem Bereich Verantwortung tragen, ist deshalb: Habt Durchhaltevermögen. Es braucht Zeit, bis sich etwas verändert. Aber diese Zeit zu investieren, lohnt sich. Und den jungen Menschen, die heute vor der Berufswahl stehen, würde ich sagen: Hört auf euch selbst. Fragt euch nicht nur, was andere von euch erwarten, sondern was euch Freude macht, wo eure Stärken liegen und was euch motiviert. Wenn ihr etwas findet, das euch wirklich begeistert, dann habt ihr eine sehr gute Grundlage für euren weiteren Weg. Ich bin überzeugt: Eine gute Berufswahl ist nicht nur eine Entscheidung für einen Beruf. Sie kann der Anfang eines ganzen Lebenswegs sein.

