«Den eigenen Weg finden»
21.09.2026
Die Berufswahl ist für Jugendliche ein wichtiger Schritt auf dem Weg ins Erwachsenenleben. Sekundarlehrer Pascal Streiff aus Flims begleitet sie dabei und weiss, welche Rolle Schule, Eltern, Schnupperlehren und eigene Erfahrungen spielen. Im Interview spricht er über Chancen, Stolpersteine und darüber, weshalb die erste Berufswahl noch lange nicht den ganzen Lebensweg festlegt.
Pascal Streiff, Sie begleiten als Oberstufenlehrer Jugendliche in einer entscheidenden Phase ihres Lebens. Wie gerne beschäftigen Sie sich mit dem Thema Berufswahl?
Wirklich gerne. Die Berufswahl gehört zu den spannenderen Aufgaben in der Oberstufe. Hier kann Schule ganz konkret auf das spätere Leben vorbereiten. Es ist schön zu erleben, wie Jugendliche ihre Stärken entdecken und Schritt für Schritt ihren eigenen Weg finden. Ich selber entdecke dabei immer wieder spannende Berufe oder neue Facetten in bekannten Berufszweigen.
Wann beginnt für Sie eine gute Berufswahlvorbereitung – und ab welchem Zeitpunkt beschäftigen sich die Jugendlichen tatsächlich ernsthaft mit ihrer beruflichen Zukunft?
Eigentlich beginnt sie nicht erst in der Oberstufe. Kinder entwickeln schon früh Interessen und Talente. Intensiv wird das Thema bei uns aber ab Ende der ersten Oberstufe. Wirklich ernsthaft beschäftigen sich viele Jugendliche meist erst in der zweiten Oberstufe damit, wenn Schnupperlehren und Bewerbungen näher rücken und man darüber nachdenken muss. Aber Tage wie der Zukunftstag bieten schon in der Primarschule erste Einblicke und Eindrücke in die Berufswelt.
Das Fach «Berufliche Orientierung» ist heute fester Bestandteil des Lehrplans. Hat sich dieses eigene Zeitgefäss aus Ihrer Sicht bewährt?
Ja, durchaus. Die Berufswahl ist komplex. Die Jugendlichen und wir Lehrpersonen profitieren davon, wenn dafür ein festes Zeitgefäss vorhanden ist. So können Themen wie Berufserkundung, Bewerbungen oder die eigenen Stärken gezielt behandelt werden.
Was steht für Sie persönlich bei der Begleitung der Jugendlichen im Berufswahlprozess im Vordergrund?
Mir ist wichtig, dass jeder Jugendliche einen Weg findet, der zu seinen Fähigkeiten, Interessen und seiner Persönlichkeit passt. Es geht nicht darum, den vermeintlich besten Beruf zu wählen, sondern einen passenden Beruf für die betreffende Person. Dass der erstgewählte Beruf nicht der Endberuf sein wird, finde ich spannend und entlastend. So können sich Interessen und berufliche Ausrichtungen ändern. Die vielen Weiterbildungsmöglichkeiten bieten viele Chancen, etwas Anregendes und Passendes zu finden.
Wie klar sind die Vorstellungen der Jugendlichen heute? Wissen viele bereits früh, welchen Beruf sie erlernen möchten, oder braucht es viel Orientierung?
Das ist sehr unterschiedlich. Einige wissen schon früh sehr genau, was sie machen möchten. Viele brauchen aber Orientierung und Erfahrungen, um herauszufinden, was wirklich zu ihnen passt. Manchmal finden sie grosse Unterstützung zu Hause oder im nahen Umfeld, manchmal sind sie auf sich selbst gestellt. Sich entscheiden zu müssen, ist nicht so einfach.
Wann erkennen Sie als Lehrer erste Stärken und Interessen eines Jugendlichen – und wie stark bringen Sie sich bei der Suche nach einem passenden Beruf ein?
Oft schon im Unterricht oder bei Projekten. Über die Jahre lernt man die Jugendlichen gut kennen. Man führt auf Schulreisen oder Wanderungen persönliche, offene Gespräche. Ich versuche, ihnen Rückmeldungen zu ihren Stärken zu geben und mögliche berufliche Richtungen aufzuzeigen. Am Ende müssen sie die Entscheidung aber selbst treffen.
Was machen Sie mit Schülerinnen und Schülern, die auch in der zweiten oder dritten Oberstufe noch überhaupt keine Vorstellung davon haben, wohin ihr beruflicher Weg führen könnte?
Dann geht es zuerst darum, Möglichkeiten kennenzulernen. Schnupperlehren, Gespräche, Interessen-Checks und der Austausch mit Berufsleuten helfen oft weiter. Wer viele Einblicke erhält, entwickelt meist irgendwann eine Richtung.
Wie gelingt die Balance zwischen Wunschberuf und einer realistischen Einschätzung der eigenen schulischen und persönlichen Fähigkeiten?
Ich finde es wichtig, ehrlich und gleichzeitig ermutigend zu sein. Ein Wunschberuf ist etwas Positives. Gleichzeitig müssen die Jugendlichen ihre schulischen Leistungen und persönlichen Voraussetzungen realistisch einschätzen. Dafür führen wir Perspektivengespräche und nutzen Individualisierungsstunden für eine berufliche Vorbereitung. Oft gibt es mehrere Wege zum Ziel oder spannende Alternativen.
Beobachten Sie bestimmte Berufe, die momentan besonders gefragt sind? Und gibt es umgekehrt Berufe, für die Jugendliche nur schwer zu begeistern sind?
Im Moment interessieren sich viele Jugendliche für technische, kaufmännische oder gesundheitliche Berufe. Schwieriger ist es teilweise, Jugendliche für handwerkliche Berufe zu begeistern, obwohl dort oft sehr gute Zukunftschancen bestehen. An Schreinern mangelt es in meinen Klassen übrigens nie.
Welchen Einfluss haben Freunde, soziale Medien oder gesellschaftliche Trends auf die Berufswünsche der Jugendlichen?
Der Einfluss ist spürbar. Jugendliche orientieren sich an ihrem Umfeld und sicher auch an Inhalten in sozialen Medien. Das kann inspirierend sein, führt aber manchmal auch zu unrealistischen Vorstellungen. Deshalb sind echte Erfahrungen in Betrieben besonders wichtig.
Welchen Stellenwert haben Schnupperlehren für Sie? Kann eine Schnupperlehre einen Berufswunsch komplett verändern – positiv wie negativ?
Einen sehr hohen. Eine Schnupperlehre zeigt viel besser als jede Broschüre, wie ein Beruf wirklich aussieht. Es kommt durchaus vor, dass sich ein Berufswunsch danach bestätigt oder komplett verändert. Manchmal kann es auch schwierig sein, den Beruf in einer Schnupperlehre wirklich erfahrbar zu machen, da die Lernenden gar nicht alles tun und machen dürfen.
Was sollten Jugendliche bei einer Schnupperlehre unbedingt beachten, damit sie bei einem möglichen Lehrbetrieb einen guten Eindruck hinterlassen?
Der erste Eindruck zählt. Pünktlichkeit, Interesse und ein respektvoller Umgang sind entscheidend. Die Jugendlichen sollen Fragen stellen, aufmerksam mitarbeiten und zeigen, dass sie motiviert sind. Ein guter Eindruck entsteht oft durch kleine Dinge. Sich selber sein und sich nicht verstellen, sich aber Mühe geben und motiviert sein, ist sicher mitentscheidend für ein positives Bild.
Welche Rückmeldungen erhalten Sie von Lehrbetrieben? Worauf achten diese bei Jugendlichen besonders – Schulnoten, Auftreten, Motivation, Zuverlässigkeit oder persönliche Fähigkeiten?
Schulnoten sind wichtig, aber längst nicht alles. Sie können von Schule zu Schule stark variieren und sind mässig aussagekräftig. Sehr häufig höre ich von Betrieben, dass Motivation, Zuverlässigkeit, Auftreten und Verantwortungsbewusstsein entscheidende Faktoren sind. Das sind bei uns die Kreuzchen im Arbeits- und Sozialverhalten. Hier sollte kein «genügend» oder gar «ungenügend» stehen.Aber mit einem interessierten und freundlichen Auftreten in einer Schnupperlehre lässt sich so manche Falte glätten.
Wie erleben Sie n Lehrstellenmarkt in Graubünden? Ist es momentan grundsätzlich einfach, eine passende Lehrstelle zu finden?
Grundsätzlich gibt es viele Möglichkeiten. Wer sich frühzeitig informiert, offen bleibt und Einsatz zeigt, findet immer einen passenden Weg. Dennoch gibt es beliebte Berufe, bei denen der Konkurrenzdruck entsprechend höher ist und man ein bisschen der frühere Vogel sein sollte. Aber einen Lehrstellenmangel erleben unsere Schülerinnen und Schüler sicher nicht.
Wo liegen Ihrer Erfahrung nach die häufigsten Stolpersteine im Berufswahlprozess?
Zu spätes Beginnen, zu wenig Eigeninitiative oder eine zu starke Fixierung auf einen einzigen Beruf. Manchmal unterschätzen Jugendliche auch die Bedeutung einer sorgfältigen Bewerbung. Oder sie überschätzen sich selber. Vieles verliert durch Gewöhnung etwas an Glanz und Probleme können immer auftauchen. Diese zu meistern und etwas Biss und Durchhaltewillen zu zeigen, ist für viele Jugendliche schwierig. Eine Lehre kann man nicht einfach mit Swipen durch eine andere ersetzen. Da müssen vielleicht auch etwas Langeweile oder Unannehmlichkeiten ausgehalten werden.
Wie gehen Jugendliche mit Absagen um? Ist es schwierig, sie nach mehreren erfolglosen Bewerbungen wieder zu motivieren?
Absagen sind für viele zunächst sicher enttäuschend. Das gehört aber leider zum Prozess dazu. Wichtig ist, daraus zu lernen und weiterzumachen. Der Jugendliche soll auch nachfragen, warum es nicht geklappt hat. So kann er sein Auftreten verbessern. Oft führt ein Umweg am Ende sogar zu einer besseren Lösung. Nicht alle Absagen werden in die Schule getragen. Oft unterstützen und motivieren die Eltern ihre Jugendlichen zur Weitersuche. Wenn der erste Frust sich gelegt hat, findet sich mit neuer Motivation immer eine Lösung. Vor allem auf Sekundarniveau sind die Jugendlichen oft begehrtes Gut.
Raten Sie den Jugendlichen grundsätzlich dazu, neben ihrem Wunschberuf auch einen Plan B zu entwickeln?
Ja, in der Regel schon. Ein Plan B ist kein Zeichen von Unsicherheit, sondern von Weitsicht. Wer Alternativen kennt, bleibt handlungsfähig und erlebt weniger Druck. Wenn aber alle Wege in die eine Richtung zeigen und die Vorzeichen gut sind, dann reift der Plan B vielleicht erst nach der erfolgreich absolvierten Lehre in Form einer Weiterbildung.
Welche Rolle spielen die Eltern bei der Berufswahl – und wo beginnt beziehungsweise endet die Aufgabe der Schule?
Die Eltern kennen ihr Kind am besten und sind wichtige Begleitpersonen. Die Schule unterstützt mit Informationen, Beratung, Vorbereitung und Erfahrungen aus dem Schulalltag. Am erfolgreichsten ist die Berufswahl, wenn alle am gleichen Strick ziehen. Daher werden die Eltern anlässlich eines Elternabends zur Berufswahl immer ins Boot geholt. Wenn Eltern aber alle Arbeit der Schule überlassen und der Jugendliche nicht in die Gänge kommt, wird’s schwierig. Dann hilft manchmal nur noch das Case Management Berufsbildung.
Wie wichtig ist eine gute Zusammenarbeit zwischen Jugendlichen, Eltern, Schule, Berufsberatung und Lehrbetrieben?
Sie ist entscheidend. Jugendliche, Eltern, Schule, Berufsberatung und Lehrbetriebe bringen unterschiedliche Perspektiven ein. Je besser die Zusammenarbeit funktioniert, desto erfolgreicher verläuft meist der Prozess. In der Praxis spielen die Karten nicht immer so ineinander. Aber solange sie nicht gegeneinander laufen, klappt es in der Regel gut.
Was raten Sie Eltern, die ihr Kind unterstützen möchten, ohne ihm bei der Berufswahl zu viel vorzugeben?
Interesse zeigen, zuhören und ermutigen. Eltern sollten begleiten, ohne die Entscheidung vorwegzunehmen. Jugendliche brauchen Unterstützung, aber auch die Freiheit, ihren eigenen Weg zu finden. Manchmal braucht es einen Anstupser, einen Tipp oder auch den Mut, etwas unangenehm zu sein, um das Thema Berufswahl aktuell zu halten. Gerade wenn die Jugendlichen zum Hörer greifen müssen, um zum Beispiel eine Schnupperlehrstelle zu organisieren, hilft es oft, Mut zu machen oder in Hörweite zu bleiben. Nicht die Arbeit abnehmen, aber die Jugendlichen unterstützen!
Erleben Sie auch Eltern, die für ihr Kind klare Vorstellungen haben – beispielsweise Gymnasium statt Berufslehre oder einen bestimmten Beruf? Wie gehen Sie damit um?
Solche Situationen erlebe ich zum Glück selten. Ich würde aber versuchen, den Dialog zu fördern und den Blick auf die Fähigkeiten und Interessen des Jugendlichen zu lenken. Am Ende sollte die Lösung für das Kind passen, nicht für die Erwachsenen.
Haben Eltern Ihrer Erfahrung nach genügend Kenntnisse über das Schweizer Berufsbildungssystem und die Möglichkeiten, die nach einer Berufslehre offenstehen?
Die meisten Eltern sind gut informiert. Nur Eltern mit Migrationshintergrund kennen unser System teilweise weniger gut. Die Durchlässigkeit des Schweizer Berufsbildungssystems und die zahlreichen Möglichkeiten nach einer Berufslehre streichen wir gerne am Berufswahlabend hervor.
Hat sich die Berufswahl in den vergangenen Jahren verändert? Sind Jugendliche heute anders unterwegs als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren?
Die Auswahl an Berufen und Ausbildungswegen ist grösser geworden. Gleichzeitig stehen den Jugendlichen viel mehr Informationen zur Verfügung. Das schafft Chancen, kann aber auch überfordern. Die Zeiten, in denen jeder KV machen wollte, sind vorbei. Trendberufe gibt es schon noch.
Was ist heute einfacher geworden – und was schwieriger?
Einfacher ist der Zugang zu Informationen. Schwieriger ist es geworden, den Überblick zu behalten und aus den vielen Möglichkeiten die passende Wahl zu treffen.
Gibt es einen Jugendlichen oder eine Berufswahlgeschichte aus Ihrer Zeit als Lehrer, an die Sie sich besonders gerne erinnern?
Mich beeindrucken immer wieder Jugendliche, die zunächst grosse Zweifel haben und schliesslich ihren Platz finden. Besonders schön ist es, wenn jemand über Umwege einen Beruf entdeckt, der perfekt zu ihm passt.
Was freut Sie persönlich am meisten, wenn Sie ehemalige Schülerinnen und Schüler einige Jahre später wieder treffen?
Wenn ich ehemalige Schülerinnen und Schüler bei der Ausübung ihrer Berufe treffe und sie zeigen können, was ihnen liegt, was sie gut können, und ins Schwärmen geraten oder kompetent auftreten, dann freut mich das.
Wenn Sie einem Jugendlichen, der unmittelbar vor der Berufswahl steht, nur einen einzigen Rat mitgeben dürften: Welcher wäre das?
Sei neugierig, probiere Dinge aus und höre auf deine innere Stimme. Die Berufswahl ist ein wichtiger Schritt, aber sie legt nicht dein ganzes Leben fest.
Und zum Schluss: Welchen wichtigsten Tipp geben Sie den Eltern für die Berufswahl ihres Kindes mit auf den Weg?
Vertrauen Sie Ihrem Kind. Unterstützen Sie es, begleiten Sie es, aber lassen Sie ihm Raum, eigene Erfahrungen zu machen. Daraus entstehen oft die besten Entscheidungen.Die Lehre ist ein hervorragender Einstieg ins Erwachsenenleben. Jugendliche lernen, Verantwortung zu übernehmen, mit Geld umzugehen, Entscheidungen zu treffen und Teil der Arbeitswelt zu werden.

