«Die Höhere Berufsbildung ist für die Schweizer Wirtschaft unverzichtbar»
05.10.2026
Die höhere Berufsbildung eröffnet Berufsleuten neue Perspektiven und versorgt die Wirtschaft mit qualifizierten Fach- und Führungskräften. Stefan Isenring spricht im Interview über die Bedeutung der ibW für Graubünden und darüber, wie praxisnahe Weiterbildung auf die Bedürfnisse der Unternehmen eingeht.
Stefan Eisenring, schauen wir zuerst zurück. Wie hat sich die ibW in den letzten 25 Jahren entwickelt?
Die ibW hat sich seit ihrer Gründung 1990 zur grössten Weiterbildungsanbieterin im nicht-universitären Bereich der Südostschweiz entwickelt. Heute umfasst die ibW rund 30 Berufsrichtungen und mehr als 100 anerkannte Bildungsangebote an den Standorten Chur, Maienfeld, Sargans und Ziegelbrücke. Die Entwicklung zeigt sich auch an der Nachfrage: 2025 waren 1’592 Studierende in einem ibW-Lehrgang eingeschrieben – so viele wie noch nie in der Geschichte der ibW.
Was sind die aktuellen Herausforderungen?
Die ibW bewegt sich in einem Umfeld, das sich stark verändert. Dazu gehören der Fachkräftemangel, die demografische Entwicklung, die Digitalisierung und der rasche Einfluss der künstlichen Intelligenz. Gleichzeitig verändern sich die finanziellen und politischen Rahmenbedingungen der Höheren Berufsbildung. Die ibW muss deshalb ihr Angebot laufend weiterentwickeln, Partnerschaften stärken und ihre regionale Verankerung mit einer grösseren Offenheit über die Kantonsgrenzen hinaus verbinden.
Viele Bündner Unternehmen kämpfen mit dem Fachkräftemangel. Welchen Beitrag leistet ihre Organisation für die Aus- und Weiterbildung, damit Fachkräfte in Graubünden ausgebildet werden und möglichst auch im Kanton bleiben?
Die ibW qualifiziert Berufsleute berufsbegleitend und praxisnah. Damit können Fachkräfte ihre Ausbildung weiterführen, während sie in der Region arbeiten. Das Angebot reicht von eidgenössischen Fachausweisen und Diplomen über HF-Abschlüsse bis zu Kursen und Zertifikatslehrgängen. Die Nähe zu den Unternehmen, die regionalen Standorte und die Dozierenden aus der Praxis sorgen dafür, dass das erworbene Wissen direkt im Betrieb eingesetzt werden kann. So trägt die ibW dazu bei, Fachkräfte in der Region zu entwickeln und dem «Brain Drain» entgegenzuwirken.
Wie zeigt sich dies zahlenmässig?
2025 waren 1592 Studierende in einem Lehrgang an der ibW eingeschrieben und rund 3500 Personen haben eines unseren zahlreichen Seminaren oder unserer Kurse besucht. Insgesamt wurden mehr als 53’000 Lektionen erteilt. Dieser hohen Anzahl Teilnehmenden stehen rund 500 Dozierende, die hauptberuflich zum grössten Teil im entsprechendenFachbereich arbeiten, für einen zielgerichteten und praxisorientierten Unterricht zur Verfügung.
Die höhere Berufsbildung ist ein wichtiger Bestandteil des Schweizer Bildungssystems. Hat sie aus Ihrer Sicht in Wirtschaft und Gesellschaft den Stellenwert, den sie verdient?
Die Höhere Berufsbildung ist für die Schweizer Wirtschaft unverzichtbar. Sie verbindet Berufserfahrung, theoretisches Wissen und praktisches Können und bildet damit Fach- und Führungspersonen aus, die unmittelbar in den Betrieben eingesetzt werden können. Ihr Stellenwert ist in der Praxis hoch, politisch und finanziell aber noch nicht vollständig abgebildet. Die neue Möglichkeit, ab Oktober 2026 die Titelzusätze «Professional Bachelor» und «Professional Master» zu verwenden, verbessert die internationale Verständlichkeit. Bei der finanziellen Gleichbehandlung mit der Hochschulstufe besteht jedoch weiterhin Handlungsbedarf.
Die FH-Graubünden und die ibW decken unterschiedliche Bereiche der Aus- und Weiterbildung ab. Was sind die Unterschiede zwischen den beiden Bildungsinstitutionen?
Beide Institutionen sind auf der Tertiärstufe tätig, sprechen aber unterschiedliche Bildungsbedürfnisse an. Die ibW bietet Angebote im Tertiär B Bereich, der Höheren Berufsbildung, an. Die Angebotspalette umfasst Lehrgänge auf Stufe Höhere Fachschule (HF), Vorbereitungslehrgänge für eidgenössische Fachausweise (BP) und eidgenössische Diplome (HFP) sowie Zertifikatslehrgänge. Die ibW richtet sich besonders an Berufsleute, die ihre praktische Erfahrung systematisch vertiefen und direkt für ihre berufliche Entwicklung nutzen wollen.
Wo gibt es Gemeinsamkeiten und wo sehen Sie Potenzial für eine noch engere Zusammenarbeit?
Gemeinsam ist beiden Institutionen die enge Verbindung zur Wirtschaft, zur Region und zu gesellschaftlichen Entwicklungen. Beide leisten einen Beitrag zur Fachkräfteentwicklung und zur Innovation in Graubünden. Potenzial sehe ich bei gemeinsamen Projekten, bei Übergängen zwischen Bildungsstufen, bei der Nutzung von Infrastruktur sowie beim Austausch von Fachwissen und Dozierenden. Die ibW pflegt Partnerschaften mit diversen Bildungsinstitutionen und entwickelt diese kontinuierlich weiter. Ähnliche Kooperationen können künftig auch mit der FH-Graubünden entwickelt bzw. vertieft werden. Insbesondere im Nachdiplombereich bestehen grosse Potentiale.
Gerade für KMU ist entscheidend, dass Aus- und Weiterbildungen praxisnah sind. Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Bildungsangebote tatsächlich den Bedürfnissen der Bündner Unternehmen entsprechen?
Praxisnähe ist ein Kern der ibW. Die Lehrgänge werden mit Branchenvertreterinnen und -vertretern entwickelt und regelmässig an neue Anforderungen angepasst. Viele Dozierende arbeiten hauptberuflich in ihrem Fachgebiet und bringen aktuelle Erfahrungen aus der Praxis in den Unterricht ein. Projektarbeiten, Fallbeispiele und der direkte Transfer in den Betrieb sorgen dafür, dass die Studierenden ihr Wissen unmittelbar anwenden können. Ein aktuelles Beispiel ist der neue Bildungsgang dipl. Gebäudeautomatiker/-in HF, der Anforderungen wie Gebäudeautomation, Energiemanagement und vernetzte Systeme aufnimmt.
Wie werden die Branchenvertreter dabei einbezogen?
Branchenvertreter arbeiten in den Fachausschüssen der ibW mit. Diese Ausschüsse bestehen für verschiedene Fachbereiche wie Bau, Elektro- und Systemtechnik, Gebäude-, Energie- und Umwelttechnik, Holzbau, Informatik, Wirtschaft oder Wald. Sie bringen Anforderungen aus den Berufsfeldern ein, prüfen Entwicklungen und unterstützen die Qualitätssicherung. Zusätzlich fliessen die Erfahrungen von Verbänden, Unternehmen, Prüfungsexpertinnen und Prüfungsexperten sowie von berufstätigen Dozierenden in die Bildungsangebote ein.
Wie wichtig ist die direkte Zusammenarbeit mit den Unternehmen bei der Entwicklung neuer Bildungsangebote? Und wie können sich gerade KMU stärker in die Aus- und Weiterbildung einbringen?
Die direkte Zusammenarbeit mit Unternehmen ist entscheidend. Sie zeigt früh, welche Kompetenzen gefragt sind und welche Inhalte in der Praxis fehlen. KMU können sich über Fachausschüsse, Fachanlässe und Entwicklungspartnerschaften einbringen. Sie können zudem reale Projektaufträge zur Verfügung stellen, Mitarbeitende für Weiterbildungen motivieren. Die ibW wiederum kann Praxisexpertinnen und -experten als Dozierende gewinnen oder gemeinsam mit der Branche massgeschneiderte Angebote entwickeln. So wird Weiterbildung zu einer gemeinsamen Investition in die regionale Wettbewerbsfähigkeit.
Die Arbeitswelt verändert sich rasant. Welche Fähigkeiten und Kompetenzen werden für Fach- und Führungskräfte in den kommenden Jahren besonders wichtig?
Neben fundiertem Fachwissen werden digitale Kompetenz, Datenverständnis und ein sicherer Umgang mit künstlicher Intelligenz wichtiger. Ebenso zentral sind vernetztes Denken, Problemlösefähigkeit, Projekt- und Veränderungskompetenz sowie gute Kommunikation und Zusammenarbeit. Führungspersonen müssen Entwicklungen einordnen, Entscheidungen unter Unsicherheit treffen und Mitarbeitende durch Veränderungen begleiten können.
Künstliche Intelligenz verändert bereits heute zahlreiche Berufsbilder. Wie stark beeinflusst KI die Aus- und Weiterbildung an Ihren Institutionen?
KI beeinflusst die Aus- und Weiterbildung auf zwei Ebenen. Erstens verändert sie die Berufsbilder und muss deshalb in die Fachinhalte und Kompetenzprofile einfliessen. Zweitens ist sie ein Werkzeug, mit dem Studierende und Dozierende arbeiten müssen. Die ibW vermittelt deshalb nicht nur technische Grundlagen, sondern auch die Fähigkeit, Chancen, Grenzen, Qualität und Verantwortung beim Einsatz von KI zu beurteilen. Im Digital Marketing ist KI bereits ausdrücklich Teil des Lehrgangs. Auch die ibW selbst nutzt moderne digitale Infrastrukturen, Cloud-Dienste und Business-Intelligence-Systeme.
KI verändert auch das lebenslange Lernen im beruflichen Umfeld. Non-formale und informelle Bildung dürfte wichtiger werden. Haben formale Abschlüsse wie die FHGR und ibW anbieten künftig noch den gleichen Stellenwert?
Gerade in einer Zeit schneller Veränderungen braucht es aber eine Kombination aus formalen Abschlüssen, kürzeren Zertifikatslehrgängen sowie non-formalem und informellem Lernen. Die ibW bietet deshalb neben HF-Abschlüssen und eidgenössischen Abschlüssen auch Kurse, Seminare und Zertifikatslehrgänge an. Entscheidend ist, dass Bildungswege anschlussfähig und flexibel bleiben.
Welche anderen Veränderungen werden auf die Höhere Bildung zukommen?
Die Höhere Bildung wird flexibler, digitaler und stärker modular aufgebaut sein müssen. Hybride und ortsunabhängige Lernformen werden an Bedeutung gewinnen. Gleichzeitig steigen die Erwartungen an Nachhaltigkeit, Qualität, internationale Anschlussfähigkeit und den Nachweis von Kompetenzen. Die neue kantonale Finanzierung der Höheren Berufsbildung ab 2027 schafft für die ibW zusätzliche Möglichkeiten, verlangt aber auch eine vorausschauende Entwicklung des Angebots. Partnerschaften zwischen Bildungsinstitutionen und Unternehmen werden wichtiger, weil grosse technologische und organisatorische Veränderungen nicht mehr von einer Institution allein bewältigt werden können.
Blicken wir einige Jahre voraus: Wie wird sich die Aus- und Weiterbildungslandschaft in Graubünden bis 2040 verändern?
Bis 2040 wird sich die Aus- und Weiterbildungslandschaft in Graubünden deutlich dynamischer und vielfältiger präsentieren. Drei Entwicklungen werden dabei besonders prägend sein: der demografische Wandel, die Digitalisierung mit künstlicher Intelligenz sowie die zunehmende Bedeutung des lebenslangen Lernens. Graubünden steht vor der Herausforderung, dass gut ausgebildete Fachkräfte in vielen Branchen knapper werden. Gleichzeitig verändern sich Berufsbilder und Kompetenzanforderungen immer schneller. Wissen, das heute aktuell ist, reicht heute nicht und in Zukunft noch viel weniger für das gesamte Berufsleben. Weiterbildung wird deshalb noch stärker zu einem kontinuierlichen Bestandteil der beruflichen Entwicklung werden – nicht nur für junge Menschen, sondern für alle Altersgruppen und über alle Karrierestufen hinweg. Auch die Art des Lernens wird sich verändern. Klassische längere Bildungsgänge bleiben wichtig, werden aber stärker durch modulare, flexible und praxisnahe Angebote ergänzt. Studierende werden zunehmend selbstverständlicher zwischen Präsenzunterricht, digitalen Lernformaten, kurzen Weiterbildungsmodulen und arbeitsintegriertem Lernen wechseln. Künstliche Intelligenz wird dabei Lernprozesse personalisieren und unterstützen. Sie wird Lehrpersonen aber nicht ersetzen. Im Gegenteil: Persönliche Begleitung, kritisches Denken, soziale Kompetenzen und die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, werden noch wichtiger. Für Graubünden sehe ich darin nicht nur Herausforderungen, sondern grosse Chancen. Die Region verfügt über eine vielfältige Wirtschaft, starke KMU, innovative Unternehmen und besondere Kompetenzen in Bereichen wie Tourismus, Technik, Energie, Wald, Bau, Informatik, etc. Bildung muss eine zentrale Verbindung zwischen diesen Branchen, den Menschen und den Regionen schaffen. Entscheidend wird sein, dass Bildungsangebote auch ausserhalb der grossen Zentren gut zugänglich bleiben – vor Ort und digital.
Was müssen FH Graubünden und ibW tun, um darauf vorbereitet zu sein?
Wir müssen erstens sehr nahe an der Praxis und an den Entwicklungen in der Arbeitswelt bleiben. Das bedeutet, dass wir regelmässig mit Unternehmen, Verbänden, den zuständigen Ämtern und unseren Absolventinnen und Absolventen im Austausch sein müssen. Nur wenn wir wissen, welche Kompetenzen morgen gefragt sind, können wir heute die richtigen Angebote entwickeln. Zweitens brauchen wir mehr Durchlässigkeit und Zusammenarbeit. Die FH-Graubünden und die ibW haben unterschiedliche Profile und Stärken, können sich aber sehr gut ergänzen. Wenn wir Übergänge zwischen beruflicher Grundbildung, höherer Berufsbildung, Fachhochschule und Nachdiplom-Weiterbildung noch sichtbarer und einfacher gestalten, profitieren die Studierenden, die Unternehmen und der gesamte Bildungsstandort Graubünden. Drittens müssen wir unsere Bildungsangebote flexibler machen. Menschen lernen künftig noch stärker neben Beruf, Familie und anderen Verpflichtungen. Deshalb braucht es modulare Formate, hybride Lernsettings, kurze Weiterbildungsangebote und gleichzeitig qualitätsvolle längere Bildungswege. Flexibilität darf dabei nicht bedeuten, dass die Qualität sinkt. Im Gegenteil: Gerade in einer sich schnell verändernden Welt brauchen die Menschen verlässliche Abschlüsse und einen hohen Praxisbezug.Viertens müssen wir künstliche Intelligenz und digitale Technologien aktiv und verantwortungsvoll nutzen. Dazu gehört nicht nur, entsprechende Kompetenzen zu vermitteln. Auch unsere eigenen Lehr- und Lernprozesse müssen sich weiterentwickeln. Wichtig sind dabei Datenschutz, Transparenz, Medienkompetenz und die Fähigkeit, Ergebnisse kritisch zu beurteilen.Und schliesslich müssen wir als Bildungsinstitutionen unsere regionale Verantwortung wahrnehmen. Die ibW und die FH-Graubünden sollen nicht nur Bildungsangebote anbieten, sondern aktiv zur Zukunftsfähigkeit der Südostschweiz beitragen. Unser Ziel muss sein, Menschen in ihrer Entwicklung zu stärken, Unternehmen bei der Transformation zu unterstüt chst vielen Personen Zugang zu hochwertiger Bildung zu ermöglichen – unabhängig davon, wo sie in Graubünden leben und an welchem Punkt ihres Berufslebens sie stehen. Kurz gesagt: Die Bildungslandschaft der Zukunft wird flexibler, digitaler und individueller. Gleichzeitig wird der persönliche Austausch wichtiger denn je. Darauf wollen wir uns vorbereiten: mit hoher Qualität, starken Partnerschaften, konsequenter Praxisorientierung und dem Mut, neue Wege des Lernens zu gestalten. Bei allen Veränderungen wird die ibW darauf achten, dass sie ihren Werten und ihrer Kultur auch in Zukunft treu bleibt. Unsere Vision: «Mit Begeisterung Menschen befähigen, die Zukunft zu gestalten» wird auch künftig unser Leitmotiv sein.

