«Eine Lehre im Handwerk ist mehr als ein Beruf»
21.09.2026
Marco Meli führt die Meli AG in vierter Generation. Im Interview erklärt der gelernte Dachdecker, was den Beruf Polybauer EFZ auszeichnet, weshalb Schnupperlehren so wichtig sind und welche vielseitigen Karrierewege eine handwerkliche Grundbildung eröffnet.
Marco Meli, Sie sind selbst gelernter Dachdecker und führen heute das Familienunternehmen in vierter Generation. Was fasziniert Sie persönlich bis heute am Dachdeckerhandwerk?
Dachdecker verbinden traditionelles Handwerk mit moderner Technik. Man sieht die Welt täglich aus einer anderen Perspektive und schafft bleibende Werte.
Was macht den Beruf Polybauer EFZ mit Fachrichtung Dachdecken oder Abdichten für junge Menschen attraktiv?
Am Ende des Tages ist ein konkreter Arbeitsfortschritt sichtbar. Man sieht, was man geleistet hat. Der Arbeitsplatz auf den unterschiedlichsten Baustellen an verschiedenen Orten unserer Region bietet häufig eine beeindruckende Aussicht auf die Landschaft. Die Teamarbeit schafft Zusammenhalt und gibt jungen Berufsleuten früh Verantwortung.
Wie sieht der Arbeitsalltag eines Lernenden bei der Meli AG konkret aus? Welche Arbeiten dürfen Lernende bereits früh selbst übernehmen?
Die Lernenden werden von Anfang an in ihr Fachgebiet sowie in den Umgang mit den benötigten Maschinen und Werkzeugen eingeführt. Sie arbeiten vom ersten Tag an aktiv auf den Baustellen mit und helfen beispielsweise bei Dämm- und Abdichtungsarbeiten.
Welche Voraussetzungen sollten Jugendliche mitbringen, die sich für eine Ausbildung in diesem Bereich interessieren? Wie wichtig sind Schulnoten und wie wichtig sind handwerkliches Geschick, Motivation und Zuverlässigkeit?
Wichtig ist sicher die Freude an der Arbeit im Freien. Aber auch Schwindelfreiheit, Teamfähigkeit und eine exakte Arbeitsweise sind gefragt. Schulnoten sind nur ein Teil des Gesamtbildes. Gerade in einem handwerklichen Beruf sind auch handwerkliches Geschick und Motivation essenziell. Zuverlässigkeit ist eine Grundvoraussetzung. Pünktlich zu erscheinen, Abmachungen einzuhalten und insbesondere die Vorschriften zur Arbeitssicherheit zu befolgen, ist unumgänglich.
Arbeiten auf dem Dach bedeutet auch Arbeiten in der Höhe und bei unterschiedlichen Wetterbedingungen. Wie erleben Jugendliche diese Aspekte während einer Schnupperlehre und später in der Ausbildung?
Während einer Schnupperlehre erleben Jugendliche direkt, ob ihnen das Arbeiten in der Höhe und bei unterschiedlichen Wetterbedingungen liegt. Die Sicherheit steht dabei immer an erster Stelle. Mit zunehmender Erfahrung gewinnen die Lernenden Vertrauen und Routine. Viele schätzen gerade die Arbeit im Freien, die Bewegung und die wechselnden Baustellen. Eine Schnupperlehre ist deshalb ideal, um herauszufinden, ob dieser besondere Arbeitsplatz zu einem passt.
Wie begleiten Sie Ihre Lernenden während der dreijährigen Ausbildung? Was ist Ihnen als Ausbildungsbetrieb besonders wichtig?
Wir begleiten unsere Lernenden Schritt für Schritt und übertragen ihnen mit zunehmender Erfahrung mehr Verantwortung. Dabei sind uns eine gute fachliche Ausbildung, Sicherheit und ein respektvoller Umgang besonders wichtig. Gleichzeitig fördern wir Selbstständigkeit, Zuverlässigkeit und die Freude am Beruf. Unsere Lernenden sollen sich entwickeln, Fragen stellen dürfen und am Ende der Ausbildung mit Stolz und Vertrauen in ihre Fähigkeiten ins Berufsleben starten.
Was sind erfahrungsgemäss die grössten Herausforderungen für Lernende zu Beginn ihrer Ausbildung?
In erster Linie ist die Umstellung von der Schule auf den Arbeitsalltag eine Herausforderung. Frühes Aufstehen, körperliche Arbeit und wechselndes Wetter erfordern eine gewisse Eingewöhnung. Mit guter Begleitung und wachsender Erfahrung gewinnen die Lernenden aber schnell an Sicherheit und Selbstvertrauen.
Die Meli AG arbeitet heute nicht mehr nur auf klassischen Steildächern, sondern an der gesamten Gebäudehülle. Wie hat sich dadurch das Berufsbild in den vergangenen Jahren verändert?
Das Berufsbild ist heute deutlich vielseitiger geworden. Neben klassischen Steildächern gehören auch Flachdächer, Fassaden und Solaranlagen zur modernen Gebäudehülle. Gerade der Schweizer Gebäudesektor spielt heute eine zentrale Rolle für den Klimaschutz. Mit unserer Arbeit leisten wir einen wichtigen Beitrag zum energieeffizienten Bauen.
Digitalisierung und neue Maschinen verändern auch das Bauhandwerk. Welchen Technologien begegnen Ihre Lernenden heute bereits im Arbeitsalltag?
Unsere Lernenden arbeiten zunehmend mit digitalen Hilfsmitteln, sei es in der Schule mit dem Notebook oder im Arbeitsalltag mit dem Smartphone. Die digitale Zeiterfassung und papierlose Baustellen sind nur zwei Beispiele.
Viele Branchen kämpfen um Nachwuchs. Wie schwierig ist es für Sie heute, geeignete Lernende für handwerkliche Berufe zu finden?
Geeignete und motivierte Lernende zu finden, ist heute anspruchsvoller geworden. Viele Jugendliche kennen die Möglichkeiten und die Vielseitigkeit des Handwerks zu wenig. Deshalb ist es für uns wichtig, jungen Menschen einen authentischen Einblick in den Berufsalltag zu geben. Gerade die Fiutscher bietet mit ihrem breiten Publikum dafür eine sehr gute Plattform.
Was muss das Handwerk aus Ihrer Sicht tun, um von Jugendlichen wieder stärker als attraktive berufliche Perspektive wahrgenommen zu werden?
Das Handwerk muss zeigen, wie modern, vielseitig und zukunftsorientiert es heute ist. Jugendliche wollen wissen, welche Möglichkeiten ihnen ein Beruf bietet und welchen Beitrag sie damit leisten können. Themen wie moderne Technologien, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit spielen dabei eine wichtige Rolle. Gleichzeitig müssen wir jungen Menschen die Chance geben, das Handwerk selbst zu erleben. Die Begeisterung entsteht oft erst beim Anpacken.
Welche Rolle spielen Schnupperlehren bei der Berufswahl? Worauf achten Sie, wenn Jugendliche bei Ihnen schnuppern?
Die Schnupperlernenden erleben den Arbeitsalltag hautnah und merken schnell, ob ihnen der Beruf liegt. Wir achten vor allem auf Interesse, handwerkliches Geschick und Motivation. So sehen wir rasch, ob jemand mitdenkt und gerne mit anpackt. Wichtig ist auch die Bereitschaft, etwas lernen zu wollen.
Was macht für Sie einen guten Lernenden aus – unabhängig von seinen Schulnoten?
Motivation, Zuverlässigkeit und die Bereitschaft, Neues zu lernen. Wer Interesse zeigt, Fragen stellt, mitdenkt und auch dann dranbleibt, wenn etwas nicht auf Anhieb klappt, bringt die besten Voraussetzungen mit. Handwerkliches Geschick entwickelt sich mit der Erfahrung. Die richtige Einstellung muss jedoch von einem selbst kommen.
Welche beruflichen Möglichkeiten stehen jungen Menschen nach einem erfolgreichen EFZ offen?
Nach dem EFZ stehen jungen Berufsleuten viele Wege offen. Im Bereich Polybau können sie sich beispielsweise zum Gruppenleiter, Objektleiter oder Bauführer Gebäudehülle weiterentwickeln – bis hin zum Gebäudehüllen-Meister. Auch Spezialisierungen in Bereichen wie Energieberatung, Solarmontage oder Gebäudehüllenplanung sind möglich. Das zeigt: Eine handwerkliche Lehre ist nicht nur ein Berufseinstieg, sondern kann der Beginn einer vielseitigen Karriere sein.
Sie selbst haben nach Ihrer Ausbildung zum Dachdecker die Weiterbildung zum eidgenössisch diplomierten Betriebswirtschafter absolviert und führen heute ein Unternehmen. Zeigt Ihr eigener Weg, welche Entwicklungsmöglichkeiten eine handwerkliche Grundbildung eröffnen kann?
Ja, absolut. Mein eigener Weg zeigt, dass eine handwerkliche Grundbildung eine starke Basis für ganz unterschiedliche Entwicklungen sein kann.
Die Meli AG blickt auf eine über 120-jährige Geschichte zurück. Welche Bedeutung hat die Ausbildung junger Berufsleute für die Zukunft eines solchen Familienunternehmens?
Die Ausbildung junger Berufsleute hat für uns einen sehr hohen Stellenwert. Als Familienunternehmen in vierter Generation wissen wir, dass unser Handwerk nur weiterlebt, wenn wir unser Wissen und unsere Erfahrung an die nächste Generation weitergeben. Lernende sind für uns deshalb nicht einfach Nachwuchskräfte, sondern ein wichtiger Teil unserer Zukunft.
Gibt es ein Erlebnis mit einem Lernenden, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Ein Beispiel ist die Geschichte eines langjährigen Mitarbeiters. Er hat im Jahr 2000 seine Lehre bei uns begonnen und sich über die Jahre bis zum Gebäudehüllen-Meister weitergebildet. Heute ist er Mitglied des Kaders. Ich selbst war damals noch nicht im Betrieb. Aber genau solche Laufbahnen zeigen mir, welchen Stellenwert die Ausbildung junger Menschen in unserem Unternehmen hat und welche Entwicklungsmöglichkeiten das Handwerk bietet.
Warum lohnt es sich für einen Betrieb, Lernende auszubilden, obwohl dies Zeit und Ressourcen beansprucht?
Als Ausbildungsbetrieb tragen wir Verantwortung gegenüber der nächsten Generation und unserem Handwerk. Wenn wir auch in Zukunft gut ausgebildete Fachkräfte haben wollen, müssen wir heute bereit sein, junge Menschen auszubilden, zu fördern und unser Wissen weiterzugeben.
Welchen Rat geben Sie Jugendlichen, die momentan vor der Berufswahl stehen und über eine handwerkliche Ausbildung nachdenken?
Probiert es aus und geht schnuppern. Im Handwerk merkt man schnell, ob einem die Arbeit und das Umfeld gefallen. Lasst euch dabei nicht nur von den Schulnoten leiten. Motivation, Interesse und Freude am Anpacken sind genauso wichtig. Eine handwerkliche Lehre bietet eine solide Grundlage und viele Möglichkeiten, sich später weiterzuentwickeln.
Ergänzen Sie bitte den Satz: «Eine Lehre im Handwerk ist …»
… mehr als ein Beruf. Sie ist vielseitig, zukunftssicher und öffnet viele Türen für die persönliche und berufliche Weiterentwicklung.

