Stein für Stein den eigenen Weg bauen

Sarussa Censi bei der Arbeit

Der Maurerberuf gilt als klassische Männerdomäne. Für Sarussa Censi ist das kein Hindernis. Die Lernende der Censi Bau AG in Chur beweist jeden Tag, dass auf der Baustelle nicht das Geschlecht entscheidet, sondern Motivation, Teamgeist und Köpfchen.

Der Schweiss rinnt ihr über das Gesicht. Konzentriert setzt Sarussa Censi Stein auf Stein, richtet ihn exakt aus und greift schon zum nächsten Werkzeug. Die Sonne brennt auf die Baustelle, später werden Regen und Wind ihren Arbeitsalltag prägen. Für die 22-Jährige gehört das längst dazu. Während andere den Maurerberuf noch immer als Männerberuf bezeichnen, fühlt sie sich genau dort am richtigen Platz. Dabei war dieser Weg keineswegs vorgezeichnet. Lange träumte Censi von einer Karriere als Skirennfahrerin. Sie absolvierte eine Sportlerlehre im kaufmännischen Bereich bei der Kuoni Transport AG und wollte ursprünglich nicht im Baugewerbe arbeiten. Erst eine schwere Knieverletzung veränderte alles. Rasch merkte sie, dass ihr etwas fehlte. «Ich vermisste die körperliche Arbeit, die Bewegung und die frische Luft.» Gemeinsam mit ihrer Familie entschied sie sich deshalb für eine zweite Ausbildung als Maurerin. Heute weiss sie, dass es die richtige Entscheidung war. «Mir gefällt die Vielseitigkeit des Berufs. Ich arbeite gerne draussen und sehe am Abend, was ich den ganzen Tag geschaffen habe.»


Kaum negative Erfahrungen
Dass sie als Frau auf einer Baustelle arbeitet, sorgt bis heute immer wieder für überraschte Reaktionen. Negative Erfahrungen hat sie jedoch kaum gemacht. «Viele finden es toll und beeindruckend, dass ich eine Maurerlehre absolviere.» Auch im Team wurde sie von Beginn an gut aufgenommen. Natürlich müsse man manchmal zeigen, dass man zupacken könne. «Aber ich denke, das ist in jedem Beruf so.» Für Censi steht ohnehin nicht die Muskelkraft im Vordergrund. Der Beruf verlange vor allem Köpfchen. «In den ersten Wochen habe ich schon etwas gelitten. Doch man gewöhnt sich schnell daran. Wenn man gut plant und überlegt arbeitet, braucht es oft weniger Kraft, als viele glauben.» Genau dieses Bild möchte sie auch anderen jungen Frauen vermitteln. Der Maurerberuf sei längst nicht mehr ausschliesslich Männersache. Moderne Hilfsmittel erleichterten viele Arbeiten, entscheidend seien Motivation, Ausdauer und die Bereitschaft, Neues zu lernen. «Wenn dir der Beruf gefällt, dann mach ihn. Es spielt keine Rolle, ob du eine Frau oder ein Mann bist.»


Erfahrung ist unverzichtbar
Ihr Arbeitsalltag ist abwechslungsreich. Das Familienunternehmen führt Renovationen ebenso aus wie Neubauten oder Leitungsarbeiten. Mal wird gemauert, verputzt oder betoniert, mal werden Leitungen verlegt oder Vorplätze erstellt. Seit Beginn eines Einfamilienhaus-Neubaus für ihren Onkel konnte sie den gesamten Bauprozess von Grund auf begleiten. Darauf ist sie besonders stolz.
Mittlerweile übernimmt sie bereits verschiedene Arbeiten selbstständig. Aussparungen einmauern, Kernbohrungen ausführen oder kleinere Bauarbeiten erledigen gehören heute selbstverständlich zu ihrem Alltag. «Es motiviert mich, wenn ich Verantwortung übernehmen darf.» Die praktische Ausbildung verfolgt für sie aber noch ein weiteres Ziel. Gemeinsam mit ihrem Bruder möchte sie eines Tages die Censi Bau AG weiterführen. Die Erfahrungen auf der Baustelle seien dafür unverzichtbar. «Ich verstehe heute viel besser, wie gebaut wird und welche Herausforderungen unsere Mitarbeitenden täglich meistern.»
Nach zwei Lehrjahren zieht Censi deshalb ein durchwegs positives Fazit. Ihre Ausbildung beschreibt sie mit drei Begriffen. Vielfältig, herausfordernd und stolz. Stolz darauf, jeden Abend zu sehen, was mit den eigenen Händen entstanden ist. Und stolz darauf, jungen Frauen vorzuleben, dass auch auf der Baustelle längst nicht mehr das Geschlecht entscheidet, sondern die Leidenschaft für den Beruf.

zurück zur Übersicht