«Viele Unternehmen engagieren sich aus Überzeugung»
09.01.2026
Auch wenn selten darüber gesprochen wird, ist gesellschaftliches und freiwilliges Engagement für viele Bündner KMU selbstverständlich. BGV-Präsident Viktor Scharegg erklärt im Interview, weshalb es ein zentraler Pfeiler unternehmerischer Verantwortung ist, welchen Nutzen Unternehmen davon haben und warum der BGV dem Engagement von Unternehmerinnen und Unternehmern bewusst mehr Sichtbarkeit gibt.
Viktor Schregg, warum ist gesellschaftliches und freiwilliges Engagement für Unternehmen, insbesondere KMU, wichtig?
Gesellschaftliches und freiwilliges Engagement ist für mich ein zentraler Bestandteil unternehmerischer Verantwortung, gerade bei KMU. Wir sind keine anonymen Konzerne, sondern fest in unseren Dörfern und Regionen verankert. Unsere Mitarbeitenden wohnen hier, ihre Kinder gehen hier zur Schule, sie sind in Vereinen aktiv, in der Feuerwehr, im Sport oder in der Kultur. Wenn dieses gesellschaftliche Gefüge funktioniert, profitieren auch unsere Betriebe davon. Deshalb sehe ich Engagement nicht als Zusatzaufgabe, sondern als Investition in ein funktionierendes Umfeld, in Zusammenhalt, Vertrauen und Lebensqualität. Eine starke Gesellschaft ist die Grundlage für eine starke Wirtschaft.
Wie können Unternehmen das freiwillige Engagement ihrer Mitarbeitenden konkret fördern?
Unternehmen können das freiwillige Engagement ihrer Mitarbeitenden vor allem durch eine offene Haltung und durch Vertrauen fördern. Es beginnt damit, dass man Engagement nicht als Störfaktor betrachtet, sondern als etwas Positives. Wer Einsätze bei der Feuerwehr leistet, im Verein Verantwortung übernimmt oder sich sozial engagiert, soll spüren, dass dies respektiert und unterstützt wird. Zeitliche Flexibilität, Verständnis bei Abwesenheiten und eine ehrliche Wertschätzung wirken oft stärker als formelle Programme. Entscheidend ist auch, dass die Unternehmensleitung selbst mit gutem Beispiel vorangeht. Wenn Mitarbeitende sehen, dass sich die Führung engagiert, entsteht automatisch eine Kultur, in der Mitmachen selbstverständlich wird.
Welchen konkreten Nutzen haben Unternehmen selbst vom freiwilligen Engagement ihrer Mitarbeitenden?
Der Nutzen für die Unternehmen ist vielfältig und ganz konkret. Engagierte Mitarbeitende sind in der Regel motivierter, identifizieren sich stärker mit ihrem Arbeitgeber und bringen wichtige Kompetenzen mit. Wer im Ehrenamt Verantwortung trägt, lernt organisieren, führen, kommunizieren und im Team Lösungen finden. Genau diese Fähigkeiten sind im Betrieb enorm wertvoll. Gleichzeitig stärkt freiwilliges Engagement die Vernetzung in der Region und das Vertrauen in das Unternehmen. Man wird wahrgenommen als Betrieb, der nicht nur wirtschaftlich denkt, sondern Verantwortung übernimmt. Das wirkt sich positiv auf das Image, auf Kundenbeziehungen und auch auf die Arbeitgeberattraktivität aus.
Wie hast du dich als Unternehmer von einem KMU mit knapp 40 Mitarbeitenden sozial engagiert?
Ich selbst habe mich als Unternehmer mit rund 40 Mitarbeitenden immer bewusst engagiert. In Vereinen, in regionalen Organisationen, in Verbänden, in der Politik, in wirtschaftlichen Kommissionen und auch in der Feuerwehr. Für mich war es immer selbstverständlich, mich einzubringen. Wer von einer Region profitiert, soll auch etwas zurückgeben. Dieses Engagement war nie eine Belastung, sondern im Gegenteil eine persönliche Bereicherung. Es hat mir Einblick in andere Bereiche gegeben, neue Perspektiven eröffnet und mein Netzwerk gestärkt. Gleichzeitig habe ich versucht, diese Haltung auch im Betrieb vorzuleben und zu unterstützen.
Wie wirkte sich das Engagement die Wahrnehmung als Arbeitgeber aus?
Dieses Engagement hat sich klar auf die Wahrnehmung als Arbeitgeber ausgewirkt. Wir wurden als verlässlicher, bodenständiger und engagierter Betrieb wahrgenommen. Gerade in ländlichen Regionen spricht sich so etwas herum. Für viele Mitarbeitende und auch für Bewerbende ist es wichtig, für ein Unternehmen zu arbeiten, das nicht nur auf den eigenen Profit schaut, sondern Teil der Gemeinschaft ist. Das hilft bei der Rekrutierung, bei der Bindung der Mitarbeitenden und bei der Ausbildung von Lernenden. Vertrauen und Glaubwürdigkeit entstehen nicht durch Werbung, sondern durch gelebtes Verhalten.
Wo sehen Sie aktuell die grössten Hürden für KMU, ehrenamtliches Engagement aktiv zu fördern?
Die grössten Hürden für KMU, ehrenamtliches Engagement aktiv zu fördern, liegen heute vor allem im steigenden Zeitdruck, im Arbeitskräftemangel und in der zunehmenden Regulierungsdichte. Viele Betriebe sind personell sehr knapp aufgestellt. Jeder Ausfall ist spürbar, jede zusätzliche Belastung ein Risiko. Gleichzeitig nehmen Bürokratie und wirtschaftlicher Druck zu. Das führt dazu, dass die Spielräume kleiner werden. Der Wille zum Engagement ist bei vielen vorhanden, aber die Rahmenbedingungen machen es schwieriger. Hier braucht es Verständnis von Politik und Gesellschaft für die Realität der KMU und Lösungen, die praxistauglich sind und nicht zusätzliche Hürden schaffen.
Warum hat der BGV das Thema Engagement von Unternehmen aufgenommen?
Der Bündner Gewerbeverband hat das Thema bewusst aufgenommen, weil wir zeigen wollen, dass Unternehmen weit mehr leisten als nur wirtschaftlichen Erfolg. Gerade unsere KMU tragen wesentlich zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei, durch Ausbildung, Vereinsarbeit, freiwilliges Engagement und regionale Verantwortung. Dieses Engagement prägt das Image der Wirtschaft und verdient Sichtbarkeit. Gleichzeitig machen wir damit deutlich, dass Unternehmertum Verantwortung bedeutet und dass die Wirtschaft ein verlässlicher Partner für Gesellschaft und Region ist.
Viele Unternehmen tun gutes, aber reden nicht darüber, warum eigentlich?
Viele Unternehmen, insbesondere KMU, engagieren sich aus Überzeugung und nicht aus Marketinggründen. Für sie ist es selbstverständlich, Verantwortung zu übernehmen, ohne dies an die grosse Glocke zu hängen. Zudem fehlt im Alltag oft die Zeit, darüber zu kommunizieren. Diese Zurückhaltung ist sympathisch, führt aber dazu, dass das Engagement der Wirtschaft unterschätzt wird. Deshalb ist es wichtig, dieses Wirken sichtbar zu machen, nicht aus Eitelkeit, sondern für ein realistisches Bild der Wirtschaft
Wie möchte der BGV dies ändern?
Der Bündner Gewerbeverband möchte das ändern, indem wir freiwilliges Engagement gezielt sichtbar machen. Mit KMU-Impuls-Anlässen in den Regionen schaffen wir Plattformen, um gute Beispiele zu zeigen und den Austausch zu fördern. Mit Beiträgen im Bündner Gewerbe, Informationsarbeit und dem Stiften des Benevol-Preises «Corporate Volunteering» für Unternehmen, würdigen wir Engagement öffentlich. So geben wir dem Einsatz der Unternehmen die Anerkennung, die er verdient, und ermutigen andere, es ihnen gleichzutun.
Welche Botschaft möchten Sie Unternehmerinnen und Unternehmern mitgeben, die sich bisher noch wenig mit freiwilligem Engagement auseinandergesetzt haben?
Ich möchte ihnen mitgeben, dass freiwilliges Engagement keine Zusatzbelastung, sondern eine Chance ist. Es stärkt die Verbindung zur Region, schafft Vertrauen und wirkt positiv nach innen und aussen. Wer sich einbringt, gewinnt an Ansehen, an Netzwerk und an Glaubwürdigkeit. Engagement beginnt im Kleinen, entscheidend ist nicht die Grösse, sondern die Haltung.
Welche Rolle spielt die Milizarbeit für den BGV und seine Sektionen, und was würde ohne dieses Engagement fehlen?
Die Milizarbeit ist das Rückgrat des Bündner Gewerbeverbandes. Ohne das freiwillige Engagement unserer Unternehmerinnen und Unternehmer in Vorstand, Sektionen und Gremien gäbe es keinen starken Verband, keine regionale Verankerung und keine glaubwürdige Vertretung der KMU. Es fehlen würden Praxisnähe, Herzblut und die Stimme der Betriebe aus dem Alltag.
Ehrenamtliches Engagement beim Gewerbeverband
In den Gremien des BGV sowie in den Vorständen seiner 63 Sektionen sind über 300 Unternehmer/innen ehrenamtlich engagiert. Das Verbandswesen in der Schweiz beruht wie andere gesellschaftliche Bereiche auf eine starke Milizarbeit. Der BGV hat in seiner Strategie 2025-2028 festgehalten, die BGV-Sektionen in ihrer Arbeit zu unterstützen, darunter gehört die Ausbildung und Unterstützung der Vorstandsmitglieder in ihrer freiwilligen Arbeit.
Prix benevol für Unternehmen
Benevol Graubünden setzt sich für freiwilliges Engagement ein. Die Stiftung vergibt jährlich den «Prix benevol» für Freiwilligenarbeit. Neu wird ein Preis «Corporate Volunteering» für Unternehmen verliehen. Damit werden Unternehmen ausgezeichnet, welche sich das freiwillige Engagement ihrer Mitarbeitenden einsetzen, unter anderem über gemeinsame Freiwilligeneinsätze, zur Verfügungstellung von zeitlichen Ressourcen oder der Sensibilisierung zum Thema. Dabei übernehmen Unternehmen gesellschaftliche Verantwortung und können gleichzeitig die Motivation sowie den Teamgeist der Mitarbeitenden fördern. Der BGV ist Kooperationspartner dieser Preiskategorie und stiftet den Preis.
Zur Anmeldung: https://survey.fhgr.ch/222511?lang=de

